Jesaia 9, 2-7 December 24, 2011
The Rev. Dr. Robert G. Moore, Senior Pastor
Psalm 96
Titus 2, 11-14
Lukas 2, 1-20

Welcome

About Us

Resources

Contacts

Home

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus!  Amen.

Liebe Gemeinde,
Wer das Kind in der Krippe anschaut, bekommt eine Ahnung von der unergründlichen Tiefe einer Sternennacht. In meiner Kindheit in Nordtexas wurden Höfe und Scheunen nachts nicht erleuchtet. Man konnte meilenweit fahren, ohne dass ein einziges Licht die Dunkelheit durchschnitt. Bei Vollmond waren wir beschwingt und dankbar, im Mondlicht reisen zu dürfen. Bei Neumond war immerhin noch die Milchstrasse zu sehen, die Schleppe von Gottes Mantel. Zu Hause angekommen bewunderten wir Orion, der sich seinen Weg quer über den südlichen Himmel bahnte.

So könnt Ihr vielleicht verstehen, was für eine Faszination Van Goghs Gemälde „Die Sternennacht“auf mich ausübte, als ich acht Jahre alt war. Unsere Klassenlehrerin hat es uns gezeigt. Ich brauchte keine Erklärung für die tiefblaue Nacht mit den strahlenden Lichtern. Die Nacht war voller Leben. Van Gogh malte so, wie ein Kind die Nacht wahrnimmt. Seine „Sternennacht“ hatte eine unmittelbare Wirkung und ergriff mich tief.

In der Sternennacht bestätigt sich für das Kind, dass es eine Macht gibt, die größer ist als der Mensch―gute Mächte, die wir nicht beherrschen können. Aus unserer Erfahrung der Dunkelheit heraus, sehnen wir uns nach der Quelle alles Guten und der Barmherzigkeit, weil wir wissen, dass es sie gibt.

Aber wo ist Gott, diese Quelle alles Guten und der Barmherzigkeit? Über den Sternen, so wie in Schillers „Ode an die Freude“?

Brüder, über'm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Such' ihn über'm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

Können wir anderswo suchen? Der Dichter Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) spannt den Bogen von hoch in den Sternen bis hinunter zu Marias Tür:

Im Dunkeln tret ich gern hinaus,
die Sterne schaun zur Nacht
sie halten über jedem Haus
vieltausendfält'ge Wacht.

Vieltausendfalt die schöne Schar,
die gleiche je und je
und führt mich durch das runde Jahr,
wie meine Väter eh.

Da such= ich, den ich nie gesehn,
den Einen für und für,
ob er mir winke nachzugehn
bis vor Marien Tür.

Wo suchen wir den Unsichtbaren? Wo werden wir ihn finden? Jenseits des Sternenzeltes oder an Marias Tür?

Lukas erzählt uns von den Hirten in einer Sternennacht in Bethlehem. Die Hirten, die mit ihren Schafen unter freiem Himmel leben, kennen den Nachthimmel wie ihre Westentasche. Vielleicht warten auch sie auf eine Offenbarung, die von jenseits, vom Sternenzelt herabkommt. Und, tatsächlich, ein Engel kommt mit hellem Schein, und bringt die armen Hirten zum Zittern. Aber der Lichtstrahl ist nicht eine Bedrohung, sondern bringt ihnen Trost.

“Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lukas 2, 10b-11) Der Engel lenkt den Blick der Hirten weg vom Himmel zu dem, was auf der Erde geschieht und gibt sogar die genaue Ortsbeschreibung.

Plötzlich wird die ganze Szene von himmlischen Heerscharen erleuchtet. Sind die Heerscharen etwa die Sterne? Ja, diese Sternennacht offenbart die gute Botschaft:

„Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ (Lukas 2,14)

Das Licht der Sterne ist mitten unter uns, nicht weit weg am Firmament. Der Saum von Gottes Mantel berührt die Erde. Himmel und Erde sind verbunden, vereint in der Botschaft aus Bethlehem: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.“

Liebe Brüder und Schwestern, dies ist die gute Nachricht. Sie führt euch nicht zum Sternenzelt, nicht ins Jenseits zu Gott. Sondern Gott kommt zu euch.

Himmel und Erde berühren sich und unsere Dunkelheit wird erhellt. Diese gute Nachricht ist keine Träumerei. Kein Träumen ins Blaue hinein, das sich weigert, Krankheit, Ungerechtigkeit und Tod wahrzunehmen. Diese gute Nachricht befreit uns und gibt uns Kraft, der Wirkichkeit ins Gesicht zu sehen.

  • Hier, mitten unter uns, sind welche, die wissen, dass dies ihr letztes Weihnachten sein wird. Manche von uns besuchen sie, wissend, dass sie im nächsten Jahr nicht mehr da sein werden.
  • Hier, mitten unter uns, sind welche, die krank sind und nicht nur mit ihrer Krankheit kämpfen, sondern auch mit den Nebenwirkungen der Behandlung. Manche von uns sind bei den Kranken, um ihnen zur Seite zu stehen und Mut zu geben.
  • Hier, mitten unter uns, sind welche, die an zerbrochenen Beziehungen leiden und deren Weihnachten nicht hell scheint. Manche von uns stehen ihnen bei, um zu zeigen, dass Gott nahe ist.
  • Hier, mitten unter uns, sind welche, die die Erfahrung machen, dass sich harte Arbeit im augenblicklichen wirtschaftlichen Klima nicht auszahlt. Manche von uns geben großzügig von ihren Gütern, um die Not anderer zu lindern.
  • Hier, mitten unter uns, sind welche, die wegen ihrer Rasse, ihres Geschlechtes, ihres sozialen Status, ihrer Hautfarbe, und ihrer Sexualität benachteiligt werden. Manche von uns stellen sich auf ihre Seite und nehmen damit ein Risiko für sich selbst auf.

Die gute Nachricht, “Euch ist ein Kind geboren,“ verändert die Welt von Grund auf, besonders in dieser heiligen Nacht. Lasst uns gemeinsam am Tisch dieses Kindes feiern und sein Leben, sein Leiden und seinen Tod in Erinnerung rufen. Genau so lasst uns die Herrlichkeit seiner Auferstehung feiern, die gleiche Herrlichkeit, die zuerst in der Sternennacht von Bethlehem schien, als Zeugnis der guten, gnädigen Gegenwart Gottes.

Lasst unsere Kerzen ein Licht in der Dunkelheit sein, ein Zeichen der guten Mächte, die in uns und unter uns wirken.

Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Gegner des Nationalsozialismus, hat das bekannte Gedicht „Von guten Mächten“ zur Jahreswende 1945 geschrieben. Inhaftiert wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler war eine Entlassung aus dem Gefängnis unwahrscheinlich. Er legte das Gedicht dem Brief zum 70. Geburtstag seiner Mutter bei.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
Das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch,
den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Amen.

Last updated: 2011-12-29 Copyright 2002, Robert G. Moore