Exodus 24, 12 - 18 Verklärung Christi, Letzter Sonntag nach Epiphanias, 6. Februar 2005
Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
2. Petrus 1, 16 - 21
Matthäus 17, 1 - 9

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Geschichten von Moses Gottesbegegnung auf dem Sinai und Jesu Verwandlung auf dem Berg haben nichts mit unseren eigenen Gipfelerfahrungen zu tun, liebe Gemeinde. Da muss ich Sie leider enttäuschen. Zwar habe ich die Geschichte so seit mehreren Jahren ausgelegt gehört, - what are your latest mountain top experiences? - aber oft wird dann die Metapher von Gipfel und Bergbezwingung und dagegen das Tal mit Alltag und Arbeit und Leid sehr schnell sehr billig und trivial.

Selbstverständlich haben wir Erfahrungen von Glück, von Seligkeit, vom Einssein mit Gott und der Welt nach einer großen Anstrengung, wenn etwas hart erarbeitet wurde. Das Gefühl von “Hier ist gut sein”, wie Petrus es hatte, ist legitim. Aber nicht jede Gipfelbezwingung bringt das erhoffte Glück. Der Zustand des “Hier ist gut sein” tritt nicht einfach ein, läßt sich nicht herstellen, gar erzwingen.
Ob gelungen oder nicht gelungen - alle unsere Gipfelerfahrungen, in welchem Bereich auch immer, sind teil unserer irdischen Erfahrung, Bestätigung unserer Kreatürlichkeit. Sie sind ein guter, von Gott geschenkter Teil unserer Kreatürlichkeit. Von Gott erfahren wir auf dem Gipfel nicht mehr als überall sonst, wo wir im Leben hingestellt sind.

In der Geschichte von der Vision/ der Erscheinung Jesu als eine Lichtgestalt, die Petrus und seine Freunde hatten, geht es um etwas anderes. Es geht um Autorität. Mit welcher Autorität kommt eigentlich Jesus zu uns?

Im ersten Jahrhundert, zur Zeit Jesu und zur Zeit der matthäischen Gemeinde geht es in Palästina um die Frage, wann endlich und durch wen die Fremdherrschaft beendet wird, unter der Israel seit ca. 600 Jahren, seit dem babylonischen Exil lebt - nach den Babyloniern die Perser, dann die Griechen, jetzt die Römer.
Es gibt verschiedene Antworten. Es gibt verschiedene messianische Gestalten.
Nun hat Jesus ein Königreich angekündigt, das radikal anders ist als alle Königreiche bisher. Er schöpft dabei tief aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Er verbindet dieses neue Königreich, diese neue Form der Gottesherrschaft mit seiner eigenen Person. In ihm ist es da, hat es schon angefangen.

Er zeigt es und er spricht darüber: Jesus heilt Menschen von ihren Gebrechen. Er erzählt Geschichten von diesem Reich, das unterschiedliche Namen haben kann: Himmelreich, Königreich, Herrschaft Gottes, Reich Gottes. Dieses Reich ist wie eine kostbare Perle, ein Schatz im Acker vergraben, wie ein Baum, in dem die Vögel zu Hause sind. In diesem Reich kriegen alle den gleichen Lohn, egal wie lange sie gearbeitet haben. Schulden werden vergeben. Alle kriegen genug zu essen. Und wo Jesus auftaucht, gibt es häufig ein Fest.

Jesus setzt sich hin auf einem Berg und lehrt die Menschen, wie es in diesem Reich Gottes zugehen soll, welches er repräsentiert und bis in seinen eigenen Tod verkörpert. Er spricht selig, die sich um Gerechtigkeit kümmern, die barmherzig sind, die mit ihrem Leben und ihren Taten etwas von Gott in dieser Welt sehen lassen. Er gibt ihnen Gebote, besonders, daß sie einander vergeben sollen und daß sie ihre Feinde lieben sollen.

So geht es in diesem Reich zu, das wie eine kostbare Perle ist, wie ein wertvoller Schatz, wie ein herrlicher Baum. Hier ist gut sein. Wir wissen das, weil wir es selbst schon manchmal erlebt haben. Die Anfänge des Reiches Gottes sind uns nicht unbekannt.

Woher aber wissen wir, dass Jesu Botschaft von der Herrschaft Gottes glaubwürdig ist? Was verleiht seiner Verkündigung Autorität? Hier gibt die Geschichte von der Verklärung Christi eine Antwort, die Geschichte von seiner Verwandlung in eine Lichtgestalt neben Mose und Elia.

Die Menschen im ersten Jahrhundert hatten eine Symbolsprache, die ihnen sehr geläufig war und der sie vertrauten. Visionen, himmlische Stimmen, Anspielung auf alte Traditionen und Erinnerungen waren alle Teil davon. Für Matthäus spielt zudem der Berg als Ort der Gottesbegegnung eine wichtige Rolle: Jesus lehrt auf dem Berg (die Bergpredigt). Zuvor hatte der Teufel ihn auf der Spitze eines Berges versucht. Und ganz am Ende erscheint der Auferstandene seinen Jüngern auf einem Berg in Galiläa als der, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist und von wo er die Jünger in alle Welt schickt, damit sich die Botschaft vom Reich Gottes in alle Welt verbreitet.

Die Geschichte von der Verklärung Jesu ist bis zum Rand gefüllt mit symbolischer Sprache, mit Anspielungen, Verbindungen, die den damaligen Hörern und Hörerinnen klar waren und Jesu Worte und Erscheinen unzweideutig als Offenbarung des Willens Gottes hinstellten.
Matthäus stellt z.B. Jesus mit Moses und Elia auf eine Stufe. Beide, Mose und Elia wurden z.Zt. Jesu verehrt als Autoritäten, mit denen die Menschen ihre Hoffnungen auf Erlösung verbanden. Sie wurden verehrt als Propheten, aber mehr noch als solche, die ohne zu sterben in den Himmel aufgenommen worden waren (auch wenn dies bei Moses nicht der Fall war; jedoch hat er ja die Begegnung mit Gott in der feurigen Wolke überlebt). Jesus steht in der Erscheinung auf einer Stufe mit Mose und Elia; sie alle stehen in direkter Kommunikation mit Gott. Und dann hören Petrus und Jakobus und Johannes die himmlische Stimme, die sagt: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören. Unmissverständlich wird hier dem Verkündiger dieses so anderen Königreiches göttliche Autorität zugeschrieben. In der Taufe war diese Stimme mit den gleichen Worten schon einmal gehört worden und wird jetzt bestätigt. Und hinzugefügt: Den sollt ihr hören.
Kein Wunder, dass Petrus findet, hier ist gut sein, bei Moses und Elia und Jesus.
Noch aber ist die Zeit der Erfüllung nicht eingetreten. Noch ist es nur eine Vision und Petrus kann keine Zelte bauen. Denn während oben auf dem Berg in der Vision die Zeit stehen zu bleiben scheint und in diesem flüchtigen Moment alles, was wir sonst fein säuberlich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufteilen, zusammenzuschnurren scheint und gleichzeitig wird, während all dessen geht die Welt um sie herum weiter ihren gewohnten Gang. Unten im Tal mühen sich die anderen Jünger damit ab, einen epileptischen Jungen zu heilen und es klappt nicht, es gelingt ihnen nicht. Jesus muß erst kommen. Es ist noch nicht Zeit für die ganze Erfüllung. Die Kreatur, die Schöpfung ist noch nicht erlöst, unsere Körper, unsere Seelen sind noch nicht geheilt. Auch unsere Beziehungen sind noch nicht geheilt und so, wie wir sie uns wünschen. Ein ganzes Kapitel wird in Matthäus 18 damit verbracht, der Gemeinde Regeln für schwieriges Miteinander an die Hand zu geben.

Auch in anderer Hinsicht ist es noch nicht Zeit für die ganze Erfüllung. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, wo er sterben wird. Einmal hat er den Jüngern sein Leiden und Sterben schon angekündigt, gerade bevor sie den Berg bestiegen. Zwei weitere Male müssen die Jünger ihn dies noch sagen hören, bevor es dann tatsächlich geschieht. Er steht für sein neues, anderes Königreich ein, sogar mit der Hingabe seines Lebens. Er wird aufstehen von den Toten und seine Jünger auf dem Berg in Galiläa wiedertreffen, um sie von dort in alle Welt zu schicken.

Bevor die Passionszeit am Mittwoch beginnt, liebe Gemeinde, wissen wir, wer Jesus ist und woher seine Autorität kommt: vom lebendigen Gott, der sein Volk nicht allein lässt, sondern Boten schickt, sogar seinen Sohn, der uns Gottes Willen nahe bringt. Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr hören.

Jedes Zeitalter, vielleicht sogar jede Generation hat ihre eigenen Geschichten, Mythen, Weisen, zu erzählen, wie Gottes Wort und Wille Autorität haben, gehört werden. Es liegt an uns zu prüfen, ob der Gott und der Jesus, von dem sie erzählen, dieselben sind wie vor 2000 Jahren. Es liegt an uns zu prüfen, ob in dem Augenblick, in dem wir wie die drei Jünger in der Geschichte in Gottesfurcht auf die Knie fallen und die Wolke sich lichtet, Jesus zu uns kommt und uns berührt, mit den Worten: Steht auf und fürchtet Euch nicht.

Steht auf und fürchtet Euch nicht, liebe Gemeinde, geht in die Welt und dient dem Reich Gottes in eurer Gott geschenkten Kreatürlichkeit.
Und der Friede des Herrn, der über alle Vernunft ist, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Last updated: 2006-06-20 Copyright 2003, Karin I. Liebster