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Nach der Lesung des Evangeliums:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und
unserem Herrn Jesus Christus. (Gemeinde: Amen. Gemeinde setzt
sich.)
Jetzt hat Heiligabend angefangen, liebe Schwestern und Brüder.
Wir haben lange geplant, uns viel Mühe gemacht, unsere
Pläne vielleicht ändern müssen, aber jetzt
ist es soweit, es ist Heiligabend. Es ist sogar richtig kalt
und heute morgen hat es ein bisschen geschneehagelt oder soll
ich lieber sagen geschnagelt. Um so schöner ist es in
den warmen Häusern und in der Kirche. Schön ist
es, die Weihnachtsgeschichte wieder einmal zu hören,
Weihnachtslieder zu singen, vertraute Stimmen neben sich zu
hören und zugleich von der großen Gemeinde getragen
zu werden. Weihnachten ist für uns das Familienfest.
Für Amerikaner gibt es Thanksgiving und Weihnachten.
Für uns Deutsche ist eigentlich Weihnachten das einzige
festgelegte Familienfest im Jahr.
Ich möchte Ihnen vorlesen, was ich in meinem Adventskalender
vor 10 Tagen zum Thema Familienfest gelesen habe. Eine junge
Frau schreibt:
“Weihnachten heißt für mich: In drei Tagen
meine geschiedenen Eltern mit jeweils neuem Partner, Oma und
Opa und die Eltern meines Freundes besuchen. Es heißt,
drei Mal Pute, Gans oder Karpfen plus mindestens zwei weitere
Gänge aufgetischt zu bekommen. Vier Mal sich über
Torte freuen, auch wenn man eigentlich satt ist. Vier Weihnachtsbäume,
vier Bescherungen, insgesamt 1000 Kilometer Zugfahrt und etliche
Autotransfers. “Stille Nacht?” - Mitnichten. Und
kein Ausweg in Sicht. Sicher: Alle beteuern, wir müssten
nicht kommen. Und waren doch merkwürdig reserviert, als
wir wirklich einmal wegblieben. Alle zu uns einladen? Bei
einer Scheidungsfamilie kaum möglich. Also Zähne
zusammenbeißen und durch?”
Viele von uns haben sich selber schon in dieser oder ähnlicher
Lage gefunden an Weihnachten, oder stecken mittendrin. Manche
und mancher wird denken, ein Glück bin ich weit weg in
Amerika; andere wünschen sich nichts sehnlicher als ins
Flugzeug zu steigen und einfach hinzufahren.
Weihnachten bleibt das Familienfest, so oder so. Wir wollen
das nicht aufgeben. Es ist das Fest der Heiligen Familie,
Maria und Joseph und das Kind. Wir haben die Heilige Familie
sogar schon manchmal gesehen, in unserer eigenen Familie,
bei Freunden, Kollegen, in der Kirchenbank vor uns. Und wir
wünschen uns nichts sehnlicher, besonders heute, dass
der Friede, den die Propheten vorhergesagt haben, auch zu
uns kommt, uns friedlich macht und, wo nötig, versöhnte
Auswege und neues Zueinanderfinden möglich macht.
Wenn man es recht bedenkt, ist eigentlich die Tatsache, dass
Gott zu uns kommt in einem Kind in Windeln, als Vater eines
Sohnes, der auch uns diesen Gott als Vater nahe bringt, eine
Ungeheuerlichkeit! Gott hat beschlossen, sich uns, seinen
Geschöpfen in einer Weise zu zeigen, die wir gut nachvollziehen
können. Wie ungeheuerlich barmherzig ist das! Seit Menschengedenken
schon, auch zur Zeit des Mose und der Propheten hat Gott sich
schon als Vater gezeigt und Israel Sohn genannt. Nun liegt
da sein Sohn für uns in der Krippe. Denken Sie einmal
daran, wie Sie sich als junger Vater, als junge Mutter gefühlt
haben, als Tante und Onkel eines neugeborenen Kindes, als
Patin oder Pate, als beglückte Großeltern. Unter
Gottes Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit können
wir uns getrost solche Gefühle vorstellen, wie wir sie
selber haben bei einem kleinen Kind. Darum hat Gott sich uns
so zugewandt, im Kind in Windeln, in der Krippe, in unserem
Fleisch und Blut, dass wir uns seine Liebe besser vorstellen
können. Am Beispiel unserer eigenen Freude und Güte
angesichts eines kleinen Kindes, an unseren Gefühlen
von Verantwortlichkeit und Wünschen für eine gute
Zukunft erkennen wir, wer Gott der Vater auch für uns
ist.
An diesen liebevollen Vater hat Martin Luther gedacht, als
er in seinem Kleinen Katechismus zum Vaterunser die Erklärung
der Anrede “Vater” schrieb. Da heißt es:
Vater unser... - Was ist das? Antwort: Gott will uns damit
locken/ verlocken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter
Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und
mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder
ihren lieben Vater.” Damals, als Luther seinen Katechismus
verfasste, gedacht als ein Handbuch für Väter und
Mütter, wurden gerade in seinem eigenen Haus Kinder geboren.
Sein ältester Sohn Hans war drei Jahre alt; eine kleine
Tochter mussten Martin und Käthe beerdigen; mehr Kinder
folgten nach. Luther war höchst beglückt über
das Geschenk von Kindern in seinem Leben, und überrascht.
Er hat sich als Vater in einer ganz neuen Rolle gefunden,
eine Rolle, die er sich als Mönch, Priester, Theologe
und von Kirche und Reich Verfolgter sicher nicht hat träumen
lassen.
Die intensive Erfahrung des Vaterseins, die Entdeckung der
eigenen Fähigkeit zu Liebe, zum Herzen, zum Spielen und
Singen kann man gut in dem Verlocken Wollen mithören:
Mit der Anrede “Vater” will Gott uns verlocken,
dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir
seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht
ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.
So will Gott uns auch verlocken mit der Geburt seines Sohnes,
des Heilandes für alle Welt, in umfassender Güte
für uns Menschen.
Der erste, der Hauptgrund Weihnachten zu feiern hat also
tatsächlich mit Familie zu tun. Damit, dass Gott uns
mit in die Heilige Familie von Maria und Joseph und dem Kind
hineinzieht. Dieses Kind breitet seine Arme aus für uns,
- jetzt in der Krippe, später am Kreuz. An der Krippe
gibt Gott uns einen Platz, einen Ort, wo wir hingehören.
Will unsere mütterliche und väterliche Liebe wecken,
und dann sehen wir, wie ungeheuerlich es ist, dass Gott es
selber ist, der da vor uns liegt, der uns zu Liebe und Glauben
verlocken will. Und dann werden wir plötzlich selber
wieder zu Kindern, die voller Vertrauen und kindlichem Behagen
die väterliche und mütterliche Liebe Gottes einfach
annehmen, dankbar, ohne Zweifel, ohne Fragen.
Das Vaterunser ist Jesu Geschenk an uns, für immer mit
dem Kind in der Krippe, mit Heiligen Familie verbunden zu
bleiben, nie den Vater im Himmel zu vergessen und den Ort,
wo wir hingehören. Dieses Geschenk ist immer bei uns.
Wenn die Geburt des Heilandes und unsere Zugehörigkeit
zur Heiligen Familie der erste Grund ist, Weihnachten zu feiern,
dann ergibt sich daraus ganz natürlich der Wunsch, dieses
Fest auch mit der Familie zu feiern. Mit denen, die uns großgezogen
haben, die uns zuerst geliebt und uns etwas zugetraut haben;
mit denen, die unser Leben jetzt teilen, die uns jetzt etwas
zutrauen, die wir lieben, die uns lieben; mit denen, die uns
manchmal eine Last sind und denen wir manchmal eine Last sind.
Es ist Gottes wunderbare Eigenart und Geheimnis, sich mitten
in unserm Leben zu offenbaren, so wie in der Geschichte der
Welt so auch mitten in unsern persönlichen Geschichten.
Mitten in unseren Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften.
Sollen wir der jungen Frau vom Anfang, die sich Sorgen machte,
wie sie ihre zahlreichen Angehörigen mit ihrem Besuch
zufrieden stellen kann, sagen, dass Gott die Prioritäten
für sie schon gesetzt hat? Dass sie erst entscheiden
soll, wie sie den Grund von Weihnachten am besten feiern kann,
wo und mit wem sie das Vaterunser am besten beten kann im
Licht der Weihnacht? Und dann sich erst Gedanken machen, wer
sich am meisten über ihren Besuch freuen würde?
Ob das egoistisch ist? Ist es egoistisch, Gott zuerst die
Ehre zu geben?
Ich wünsche mir, dass die junge Frau eine gute Lösung
gefunden hat. Ich wünsche mir, dass auch in unseren Familien
der erste Grund Weihnachten zu feiern die Ankunft Gottes ist,
Gottes des Vaters, der uns einen Ort gegeben hat und ein Gebet,
das alles enthält, worum wir nur bitten können:
die Bitte um Frieden, um Brot, Gottes Gegenwart, Versöhnung
und Erlösung.
Lasst uns fröhlich unseren Platz an der Krippe einnehmen,
die Ankunft unseres verlockenden Gottes feiern, lasst uns
wach sein in unserer Hoffnung auf Frieden, auf Brot, und nicht
vergessen, den Vater um Versöhnung und Erlösung
zu bitten, im eigenen Leben und für die Welt. Dazu will
das Kind in der Krippe uns verlocken.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
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