Micha 5, 1 - 4a Heiligabend, 24. Dezember 2004
Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Titus 3, 4 - 8
Lukas 2, 1 -20

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Nach der Lesung des Evangeliums:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. (Gemeinde: Amen. Gemeinde setzt sich.)

Jetzt hat Heiligabend angefangen, liebe Schwestern und Brüder.
Wir haben lange geplant, uns viel Mühe gemacht, unsere Pläne vielleicht ändern müssen, aber jetzt ist es soweit, es ist Heiligabend. Es ist sogar richtig kalt und heute morgen hat es ein bisschen geschneehagelt oder soll ich lieber sagen geschnagelt. Um so schöner ist es in den warmen Häusern und in der Kirche. Schön ist es, die Weihnachtsgeschichte wieder einmal zu hören, Weihnachtslieder zu singen, vertraute Stimmen neben sich zu hören und zugleich von der großen Gemeinde getragen zu werden. Weihnachten ist für uns das Familienfest. Für Amerikaner gibt es Thanksgiving und Weihnachten. Für uns Deutsche ist eigentlich Weihnachten das einzige festgelegte Familienfest im Jahr.

Ich möchte Ihnen vorlesen, was ich in meinem Adventskalender vor 10 Tagen zum Thema Familienfest gelesen habe. Eine junge Frau schreibt:
“Weihnachten heißt für mich: In drei Tagen meine geschiedenen Eltern mit jeweils neuem Partner, Oma und Opa und die Eltern meines Freundes besuchen. Es heißt, drei Mal Pute, Gans oder Karpfen plus mindestens zwei weitere Gänge aufgetischt zu bekommen. Vier Mal sich über Torte freuen, auch wenn man eigentlich satt ist. Vier Weihnachtsbäume, vier Bescherungen, insgesamt 1000 Kilometer Zugfahrt und etliche Autotransfers. “Stille Nacht?” - Mitnichten. Und kein Ausweg in Sicht. Sicher: Alle beteuern, wir müssten nicht kommen. Und waren doch merkwürdig reserviert, als wir wirklich einmal wegblieben. Alle zu uns einladen? Bei einer Scheidungsfamilie kaum möglich. Also Zähne zusammenbeißen und durch?”

Viele von uns haben sich selber schon in dieser oder ähnlicher Lage gefunden an Weihnachten, oder stecken mittendrin. Manche und mancher wird denken, ein Glück bin ich weit weg in Amerika; andere wünschen sich nichts sehnlicher als ins Flugzeug zu steigen und einfach hinzufahren.

Weihnachten bleibt das Familienfest, so oder so. Wir wollen das nicht aufgeben. Es ist das Fest der Heiligen Familie, Maria und Joseph und das Kind. Wir haben die Heilige Familie sogar schon manchmal gesehen, in unserer eigenen Familie, bei Freunden, Kollegen, in der Kirchenbank vor uns. Und wir wünschen uns nichts sehnlicher, besonders heute, dass der Friede, den die Propheten vorhergesagt haben, auch zu uns kommt, uns friedlich macht und, wo nötig, versöhnte Auswege und neues Zueinanderfinden möglich macht.

Wenn man es recht bedenkt, ist eigentlich die Tatsache, dass Gott zu uns kommt in einem Kind in Windeln, als Vater eines Sohnes, der auch uns diesen Gott als Vater nahe bringt, eine Ungeheuerlichkeit! Gott hat beschlossen, sich uns, seinen Geschöpfen in einer Weise zu zeigen, die wir gut nachvollziehen können. Wie ungeheuerlich barmherzig ist das! Seit Menschengedenken schon, auch zur Zeit des Mose und der Propheten hat Gott sich schon als Vater gezeigt und Israel Sohn genannt. Nun liegt da sein Sohn für uns in der Krippe. Denken Sie einmal daran, wie Sie sich als junger Vater, als junge Mutter gefühlt haben, als Tante und Onkel eines neugeborenen Kindes, als Patin oder Pate, als beglückte Großeltern. Unter Gottes Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit können wir uns getrost solche Gefühle vorstellen, wie wir sie selber haben bei einem kleinen Kind. Darum hat Gott sich uns so zugewandt, im Kind in Windeln, in der Krippe, in unserem Fleisch und Blut, dass wir uns seine Liebe besser vorstellen können. Am Beispiel unserer eigenen Freude und Güte angesichts eines kleinen Kindes, an unseren Gefühlen von Verantwortlichkeit und Wünschen für eine gute Zukunft erkennen wir, wer Gott der Vater auch für uns ist.

An diesen liebevollen Vater hat Martin Luther gedacht, als er in seinem Kleinen Katechismus zum Vaterunser die Erklärung der Anrede “Vater” schrieb. Da heißt es: Vater unser... - Was ist das? Antwort: Gott will uns damit locken/ verlocken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.” Damals, als Luther seinen Katechismus verfasste, gedacht als ein Handbuch für Väter und Mütter, wurden gerade in seinem eigenen Haus Kinder geboren. Sein ältester Sohn Hans war drei Jahre alt; eine kleine Tochter mussten Martin und Käthe beerdigen; mehr Kinder folgten nach. Luther war höchst beglückt über das Geschenk von Kindern in seinem Leben, und überrascht. Er hat sich als Vater in einer ganz neuen Rolle gefunden, eine Rolle, die er sich als Mönch, Priester, Theologe und von Kirche und Reich Verfolgter sicher nicht hat träumen lassen.

Die intensive Erfahrung des Vaterseins, die Entdeckung der eigenen Fähigkeit zu Liebe, zum Herzen, zum Spielen und Singen kann man gut in dem Verlocken Wollen mithören: Mit der Anrede “Vater” will Gott uns verlocken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater. So will Gott uns auch verlocken mit der Geburt seines Sohnes, des Heilandes für alle Welt, in umfassender Güte für uns Menschen.

Der erste, der Hauptgrund Weihnachten zu feiern hat also tatsächlich mit Familie zu tun. Damit, dass Gott uns mit in die Heilige Familie von Maria und Joseph und dem Kind hineinzieht. Dieses Kind breitet seine Arme aus für uns, - jetzt in der Krippe, später am Kreuz. An der Krippe gibt Gott uns einen Platz, einen Ort, wo wir hingehören. Will unsere mütterliche und väterliche Liebe wecken, und dann sehen wir, wie ungeheuerlich es ist, dass Gott es selber ist, der da vor uns liegt, der uns zu Liebe und Glauben verlocken will. Und dann werden wir plötzlich selber wieder zu Kindern, die voller Vertrauen und kindlichem Behagen die väterliche und mütterliche Liebe Gottes einfach annehmen, dankbar, ohne Zweifel, ohne Fragen.

Das Vaterunser ist Jesu Geschenk an uns, für immer mit dem Kind in der Krippe, mit Heiligen Familie verbunden zu bleiben, nie den Vater im Himmel zu vergessen und den Ort, wo wir hingehören. Dieses Geschenk ist immer bei uns.

Wenn die Geburt des Heilandes und unsere Zugehörigkeit zur Heiligen Familie der erste Grund ist, Weihnachten zu feiern, dann ergibt sich daraus ganz natürlich der Wunsch, dieses Fest auch mit der Familie zu feiern. Mit denen, die uns großgezogen haben, die uns zuerst geliebt und uns etwas zugetraut haben; mit denen, die unser Leben jetzt teilen, die uns jetzt etwas zutrauen, die wir lieben, die uns lieben; mit denen, die uns manchmal eine Last sind und denen wir manchmal eine Last sind. Es ist Gottes wunderbare Eigenart und Geheimnis, sich mitten in unserm Leben zu offenbaren, so wie in der Geschichte der Welt so auch mitten in unsern persönlichen Geschichten. Mitten in unseren Verwandtschaften und Wahlverwandtschaften.

Sollen wir der jungen Frau vom Anfang, die sich Sorgen machte, wie sie ihre zahlreichen Angehörigen mit ihrem Besuch zufrieden stellen kann, sagen, dass Gott die Prioritäten für sie schon gesetzt hat? Dass sie erst entscheiden soll, wie sie den Grund von Weihnachten am besten feiern kann, wo und mit wem sie das Vaterunser am besten beten kann im Licht der Weihnacht? Und dann sich erst Gedanken machen, wer sich am meisten über ihren Besuch freuen würde? Ob das egoistisch ist? Ist es egoistisch, Gott zuerst die Ehre zu geben?

Ich wünsche mir, dass die junge Frau eine gute Lösung gefunden hat. Ich wünsche mir, dass auch in unseren Familien der erste Grund Weihnachten zu feiern die Ankunft Gottes ist, Gottes des Vaters, der uns einen Ort gegeben hat und ein Gebet, das alles enthält, worum wir nur bitten können:
die Bitte um Frieden, um Brot, Gottes Gegenwart, Versöhnung und Erlösung.

Lasst uns fröhlich unseren Platz an der Krippe einnehmen, die Ankunft unseres verlockenden Gottes feiern, lasst uns wach sein in unserer Hoffnung auf Frieden, auf Brot, und nicht vergessen, den Vater um Versöhnung und Erlösung zu bitten, im eigenen Leben und für die Welt. Dazu will das Kind in der Krippe uns verlocken.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Last updated: 2005-02-08 Copyright 2003, Karin I. Liebster