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Thema: Es kommt ein
Schiff, geladen (EG 8)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Letzten Sonntag stand folgendes im Hamburger Abendblatt:
Unter der Rubrik Schiffsmeldungen kann “... man immer
am Wochenende Nachrichten aus der Welt der Häfen und
Reedereien (lesen). Und täglich wird eine Liste der
im Hafen erwarteten Schiffe aufgeführt: die Namen,
die Typen, ihr Liegeplatz, ihre Nationalität und Größe.
In diesen Tagen erwarten Tausende in Hamburg, noch mehr
als die Ankunft der ‘Queen Mary 2', ein Boot, das
in den Schiffsmeldungen wahrscheinlich nicht erwähnt
werden wird. Dabei ist seine Last ungleich wertvoller als
die Sachen und Waren in den Containern und Laderäumen
der Frachter.
Es hat ein Segel gesetzt. Es geht still im Triebe. Es kommt
aus einer Region, in der Nationen nicht zählen. Es
wird nicht am (so-und-so) Kai 4 -5 ankern, ... auch nicht
bei Schuppen 80 - 81 B festmachen. Seine Ankunft wird seit
Jahrhunderten, vier Wochen lang wieder an den verschiedensten
Orten in Hamburg besungen: ‘Es kommt ein Schiff,
geladen bis an sein’ höchsten Bord. Trägt
Gottes Sohn voll Gnaden.’ - Einen Passagier. Nichts
sonst.”
Diese Schiffsmeldung wurde von der Hamburger Bischöfin
Maria Jepsen von der Nordelbischen Landeskirche in die
Zeitung gesetzt. Sie hätte genauso im Houston Chronicle
erscheinen können. Denn auch hier in dieser Hafenstadt
und auf diesem Kontinent erwarten Christen wieder vier
Wochen lang dieses Schiff, das still im Triebe geht und
seine kostbare Last zu uns bringt. Einen Passagier. Nichts
sonst.
Im Bild des Schiffes drückt sich dieselbe Hoffnung
auf die Ankunft Gottes aus wie in den Worten Johannes des
Täufers am Jordan, der seinen Zeitgenossen zuruft: “Es
ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet
dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!” (Matthäus
3,3) Er sagt auch: “Tut Buße, denn das Himmelreich
ist nahe herbeigekommen.” Ganz nahe, eigentlich ist
es schon da, wenn auch noch nicht ganz. Darauf, auf die
ganze Erfüllung warten auch wir hier in Houston.
Johannes am Jordan ist mir aber zu wild heute abend, zu
wild in seiner Gestalt und ungestüm in seinem Ausschimpfen
der Leute. Er hat schon recht mit seiner Botschaft, aber
ich lasse sie mir heute abend lieber von unserem schönen
Adventslied “Es kommt ein Schiff” sagen.
Still geht das Schiff im Triebe, im Houston Port würde
es zwischen den großen Pötten und Öltankern überhaupt
nicht beachtet werden. Aber es kommt unaufhaltsam näher über
ein Meer des Ungewissen. Es trägt eine teure, kostbare
Last, Gottes Sohn. Und wenn man weiß, dass dieses
Lied ursprünglich im 14. Jahrhundert ein Marienlied
war, dann fällt es nicht schwer, den Text auf die
schwangere Maria anzuwenden: Es kommt ein Schiff (Maria),
geladen bis an den höchsten Bord, trägt Gottes
Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.
Die einzige Antriebskraft für dieses stille Schiff
ist die Liebe. Und das Segel der Liebe wird vom Mast, dem
Heiligen Geist gehalten. Es ist rein Gottes Definition
von Liebe, die hier zählt und die auch das Schiff
nur auf rechtem Kurs halten kann. In dem Augenblick, in
dem das Schiff an Land kommt, bekommen wir diese Liebe
in den Schoß gelegt, das ewige Wort Gottes, Fleisch
geworden, unter uns erschienen, uns zur Umkehr einladen,
verlocken wollend.
Schiffe sind Sehnsuchtsträger. Voller Hoffnung warten
Menschen am Hafen: auf ihre Lieben, auf eine wertvolle
Fracht. Ich erinnere mich noch gut, als unser ältester
Sohn drei Jahre alt war und wir ihm erzählten, dass
die Großmutter in Berlin die alten Brio-Holzeisenbahnschienen
vom Vetter in ein großes, gelbes Postpaket gepackt
hatte und per Schiffscontainer zu uns auf den Weg nach
Houston gebracht hatte. Tage- und wochenlang standen wir
mit unserem kleinen Franz vor der großen Weltkarte
im Flur und mußten ihm genau beschreiben, ob das
Paket nun noch im Zug oder im Container in Bremen oder
schon im Schiff auf dem Ozean war. Bis das gelbe Paket
dann eines Tages gebracht wurde und wir alle Schienen durch
Esszimmer, Wohnzimmer und Küche auslegen konnten.
Schiffe sind tatsächlich Sehnsuchtsträger.
Boote und Barken sind ursprünglich Bilder des Totenschiffes.
Der Sonnengott fuhr im alten Ägypten die Verstorbenen
in einer Barke ins Jenseits. Die Griechen legten den Toten
eine Münze in den Mund, das Fährgeld für
die Überfahrt in die andere Welt. Die Kirchenväter
wandelten das Bild zum Schiff der christlichen Kirche,
mit Christus als Steuermann und dem Mast als Kreuz. Das
Totenschiff wurde zum Lebensschiff; und das Lebensschiff
des einzelnen/ der einzelnen mit dem mächtigen Schiff
der Ecclesia, der Kirche verbunden.
Johannes Tauler, ein Mystiker im14. Jahrhundert und Dominikanerprediger,
dessen Spuren am Oberrhein in Straßburg und Basel
bezeugt sind, nimmt das Bild auf und dichtet das Lied,
in dem das Schiff “Gottes Sohn voll Gnaden” trägt.
Der Mystiker vom Oberrhein sah es jedoch anders als die
ursprüngliche kirchliche Tradition nicht als triumphierendes
Kirchenschiff, sondern still bewegt von Liebe und Heiligem
Geist. “Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist
der Mast.”
Ein wenig Zeitgeschichte aus Taulers Jahrhundert lässt
uns die Kraft des schlichten Liedes in seiner Verbindung
von stiller Majestät und Innigkeit noch einmal mehr
würdigen: In Strophe 5 und 6 spricht das Lied vom
Leiden und Sterben, durch das wir gehen, um das Kind mit
Freuden zu umfangen und küssen.
1356/57 erschütterte eine Erdbebenwelle den Oberrhein
und zerstörte Basel und Straßburg. In Europa
ging die Pest/ der Schwarze Tod um. Allein in Straßburg
fielen ihm 16 000 Menschen zum Opfer. Und Christen ermordeten
Juden und Jüdinnen als angebliche Brunnenvergifter:
zweitausend Juden wurden 1349 auf dem Straßburger
Judenfriedhof verbrannt. Aus diesen Jahrzehnten stammen
Kopien des Liedes vom Schiff in den Gebetbüchern Straßburger
Nonnen.
Dann bleibt das Lied über 250 Jahre verschollen. Bis
es 1626 der protestantische Spätmystiker Daniel Sudermann
wiederentdeckt. Mitten im Dreissigjährigen Krieg,
dem Konfessionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken
schreibt er unser Lied so wie wir es kennen. In seiner
innigen Botschaft wirkt unser Adventslied wie ein Aufruf
zum Frieden an Protestanten und Katholiken in dunkler Zeit,
sich der Majestät dieses Schiffes nicht zu verschließen:
Das Schiff geht still im Triebe, es trägt eine teure
Last; das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.
Das Schiff, das in unserer Kirche hier hängt, ist
aus der skandinavischen, christlichen Seefahrertradition
zu uns gekommen. Auch es verkörpert die Hoffnung und
Sehnsucht der Menschen, die im Hafen und in ihren Gebeten
auf ihre Lieben warten und auf die gute Ankunft wertvoller
Ware.
Es ist als Träger des Sohnes Gottes ein Symbol, das
auch wir getrost mit unserem eigenen Lebensschiff verbinden
können. Und wenn es so sein sollte, dass unser Lebensschiff
den Kurs verloren hat, dann hindert uns nichts daran, kehrt
zu machen, und uns ins Schlepptau von diesem stillen, auch
heute noch majestätischen Schiff nehmen zu lassen.
Unbeirrt zieht es an Tankern und Pötten vorbei zum
Anleger. Die Schiffsmeldung im Hamburger Abendblatt oder
im Houston Chronicle könnte dann lauten. Ein Schiff
ist angekommen. Sein Passagier ist Gottes Sohn und er ruft “Das
Himmelreich ist mitten unter euch!”
Lasst uns nun das ganze Lied singen und damit unseren
Glauben bekennen.
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