Jesaja 11, 1-10 2. Sonntag im Advent
5. Dezember 2004

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Römer 15, 4-13
Matthäus 3, 1-12

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Thema: Es kommt ein Schiff, geladen (EG 8)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Letzten Sonntag stand folgendes im Hamburger Abendblatt: Unter der Rubrik Schiffsmeldungen kann “... man immer am Wochenende Nachrichten aus der Welt der Häfen und Reedereien (lesen). Und täglich wird eine Liste der im Hafen erwarteten Schiffe aufgeführt: die Namen, die Typen, ihr Liegeplatz, ihre Nationalität und Größe. In diesen Tagen erwarten Tausende in Hamburg, noch mehr als die Ankunft der ‘Queen Mary 2', ein Boot, das in den Schiffsmeldungen wahrscheinlich nicht erwähnt werden wird. Dabei ist seine Last ungleich wertvoller als die Sachen und Waren in den Containern und Laderäumen der Frachter.
Es hat ein Segel gesetzt. Es geht still im Triebe. Es kommt aus einer Region, in der Nationen nicht zählen. Es wird nicht am (so-und-so) Kai 4 -5 ankern, ... auch nicht bei Schuppen 80 - 81 B festmachen. Seine Ankunft wird seit Jahrhunderten, vier Wochen lang wieder an den verschiedensten Orten in Hamburg besungen: ‘Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein’ höchsten Bord. Trägt Gottes Sohn voll Gnaden.’ - Einen Passagier. Nichts sonst.”

Diese Schiffsmeldung wurde von der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen von der Nordelbischen Landeskirche in die Zeitung gesetzt. Sie hätte genauso im Houston Chronicle erscheinen können. Denn auch hier in dieser Hafenstadt und auf diesem Kontinent erwarten Christen wieder vier Wochen lang dieses Schiff, das still im Triebe geht und seine kostbare Last zu uns bringt. Einen Passagier. Nichts sonst.

Im Bild des Schiffes drückt sich dieselbe Hoffnung auf die Ankunft Gottes aus wie in den Worten Johannes des Täufers am Jordan, der seinen Zeitgenossen zuruft: “Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!” (Matthäus 3,3) Er sagt auch: “Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.” Ganz nahe, eigentlich ist es schon da, wenn auch noch nicht ganz. Darauf, auf die ganze Erfüllung warten auch wir hier in Houston.

Johannes am Jordan ist mir aber zu wild heute abend, zu wild in seiner Gestalt und ungestüm in seinem Ausschimpfen der Leute. Er hat schon recht mit seiner Botschaft, aber ich lasse sie mir heute abend lieber von unserem schönen Adventslied “Es kommt ein Schiff” sagen.

Still geht das Schiff im Triebe, im Houston Port würde es zwischen den großen Pötten und Öltankern überhaupt nicht beachtet werden. Aber es kommt unaufhaltsam näher über ein Meer des Ungewissen. Es trägt eine teure, kostbare Last, Gottes Sohn. Und wenn man weiß, dass dieses Lied ursprünglich im 14. Jahrhundert ein Marienlied war, dann fällt es nicht schwer, den Text auf die schwangere Maria anzuwenden: Es kommt ein Schiff (Maria), geladen bis an den höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.
Die einzige Antriebskraft für dieses stille Schiff ist die Liebe. Und das Segel der Liebe wird vom Mast, dem Heiligen Geist gehalten. Es ist rein Gottes Definition von Liebe, die hier zählt und die auch das Schiff nur auf rechtem Kurs halten kann. In dem Augenblick, in dem das Schiff an Land kommt, bekommen wir diese Liebe in den Schoß gelegt, das ewige Wort Gottes, Fleisch geworden, unter uns erschienen, uns zur Umkehr einladen, verlocken wollend.

Schiffe sind Sehnsuchtsträger. Voller Hoffnung warten Menschen am Hafen: auf ihre Lieben, auf eine wertvolle Fracht. Ich erinnere mich noch gut, als unser ältester Sohn drei Jahre alt war und wir ihm erzählten, dass die Großmutter in Berlin die alten Brio-Holzeisenbahnschienen vom Vetter in ein großes, gelbes Postpaket gepackt hatte und per Schiffscontainer zu uns auf den Weg nach Houston gebracht hatte. Tage- und wochenlang standen wir mit unserem kleinen Franz vor der großen Weltkarte im Flur und mußten ihm genau beschreiben, ob das Paket nun noch im Zug oder im Container in Bremen oder schon im Schiff auf dem Ozean war. Bis das gelbe Paket dann eines Tages gebracht wurde und wir alle Schienen durch Esszimmer, Wohnzimmer und Küche auslegen konnten. Schiffe sind tatsächlich Sehnsuchtsträger.

Boote und Barken sind ursprünglich Bilder des Totenschiffes. Der Sonnengott fuhr im alten Ägypten die Verstorbenen in einer Barke ins Jenseits. Die Griechen legten den Toten eine Münze in den Mund, das Fährgeld für die Überfahrt in die andere Welt. Die Kirchenväter wandelten das Bild zum Schiff der christlichen Kirche, mit Christus als Steuermann und dem Mast als Kreuz. Das Totenschiff wurde zum Lebensschiff; und das Lebensschiff des einzelnen/ der einzelnen mit dem mächtigen Schiff der Ecclesia, der Kirche verbunden.
Johannes Tauler, ein Mystiker im14. Jahrhundert und Dominikanerprediger, dessen Spuren am Oberrhein in Straßburg und Basel bezeugt sind, nimmt das Bild auf und dichtet das Lied, in dem das Schiff “Gottes Sohn voll Gnaden” trägt. Der Mystiker vom Oberrhein sah es jedoch anders als die ursprüngliche kirchliche Tradition nicht als triumphierendes Kirchenschiff, sondern still bewegt von Liebe und Heiligem Geist. “Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.”

Ein wenig Zeitgeschichte aus Taulers Jahrhundert lässt uns die Kraft des schlichten Liedes in seiner Verbindung von stiller Majestät und Innigkeit noch einmal mehr würdigen: In Strophe 5 und 6 spricht das Lied vom Leiden und Sterben, durch das wir gehen, um das Kind mit Freuden zu umfangen und küssen.

1356/57 erschütterte eine Erdbebenwelle den Oberrhein und zerstörte Basel und Straßburg. In Europa ging die Pest/ der Schwarze Tod um. Allein in Straßburg fielen ihm 16 000 Menschen zum Opfer. Und Christen ermordeten Juden und Jüdinnen als angebliche Brunnenvergifter: zweitausend Juden wurden 1349 auf dem Straßburger Judenfriedhof verbrannt. Aus diesen Jahrzehnten stammen Kopien des Liedes vom Schiff in den Gebetbüchern Straßburger Nonnen.
Dann bleibt das Lied über 250 Jahre verschollen. Bis es 1626 der protestantische Spätmystiker Daniel Sudermann wiederentdeckt. Mitten im Dreissigjährigen Krieg, dem Konfessionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken schreibt er unser Lied so wie wir es kennen. In seiner innigen Botschaft wirkt unser Adventslied wie ein Aufruf zum Frieden an Protestanten und Katholiken in dunkler Zeit, sich der Majestät dieses Schiffes nicht zu verschließen: Das Schiff geht still im Triebe, es trägt eine teure Last; das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.

Das Schiff, das in unserer Kirche hier hängt, ist aus der skandinavischen, christlichen Seefahrertradition zu uns gekommen. Auch es verkörpert die Hoffnung und Sehnsucht der Menschen, die im Hafen und in ihren Gebeten auf ihre Lieben warten und auf die gute Ankunft wertvoller Ware.
Es ist als Träger des Sohnes Gottes ein Symbol, das auch wir getrost mit unserem eigenen Lebensschiff verbinden können. Und wenn es so sein sollte, dass unser Lebensschiff den Kurs verloren hat, dann hindert uns nichts daran, kehrt zu machen, und uns ins Schlepptau von diesem stillen, auch heute noch majestätischen Schiff nehmen zu lassen. Unbeirrt zieht es an Tankern und Pötten vorbei zum Anleger. Die Schiffsmeldung im Hamburger Abendblatt oder im Houston Chronicle könnte dann lauten. Ein Schiff ist angekommen. Sein Passagier ist Gottes Sohn und er ruft “Das Himmelreich ist mitten unter euch!”

Lasst uns nun das ganze Lied singen und damit unseren Glauben bekennen.

Last updated: 2004-12-12 Copyright 2004, Karin I. Liebster