Daniel 7, 1-3.15-18 Allerheiligen
23. Sonntag nach Pfingsten
7. November 2004

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Epheser 1, 11-23
Lukas 6, 20-31

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute, liebe Gemeinde, sind wir im Jahreszyklus wieder am Allerheiligensonntag angelangt. Es ist das dritte Jahr, dass wir hier als deutschsprachige Gemeinde in Houston diesen Tag in Lied und Psalm, in Gebet und Wort, mit Licht und im Sakrament begehen.
Allerheiligen ist in Deutschland ein katholischer Feiertag und in den mehrheitlich katholischen Bundesländern gibt es dafür am 1. November schulfrei. Deutsche Protestanten gedenken ihrer Verstorbenen Ende November am letzten Sonntag im Kirchenjahr, am Ewigkeits- oder Totensonntag. Am Sonntag zuvor wird der Volkstrauertag begangen, an dem der gefallenen Soldaten gedacht wird, und an einem Mittwoch im November gibt es den Buß- und Bettag, einen Tag der Einkehr, Buße und Reflektion. All dieses, zusammen mit dem trüben Wetter macht den November für viele Menschen zu einer traurigen Zeit, wie manchen von uns in Telefongesprächen mit Angehörigen wohl bewusst ist.

In der katholischen Tradition, in die sich die evangelisch-lutherische Kirche in Amerika seit ihrer Gründung hineingestellt hat, ist der Allerheiligentag Anlaß für zwei Dinge:

  • Wir erinnern uns an die Heiligen der Kirche, und weil der Anfang des Lebens in der Kirche für alle ihre Taufe ist, verlesen wir die Namen aller, die im vergangenen Jahr getauft wurden. Die Heiligen sind alle, die das neue Leben durch die Taufe empfangen haben.
  • Und wir erinnern uns an die, die gestorben sind, die uns im Glauben vorangegangen sind und Teil der zukünftigen Welt sind, in der wir gemeinsam das Mahl im Reich Gottes teilen werden. Menschen erinnern sich an vergangene Zeiten, und in den Schmerz über den Verlust mischt sich Dankbarkeit für das Schöne und auch das gemeinsam überstandene Schwere.

Die Mischung aus Erinnerung und Dankbarkeit für neues Leben, das Leben aus der Taufe, und Erinnerung und Dankbarkeit für irdisches Leben, das zuende gegangen ist, gibt dem Allerheiligentag einen Ton der Feierlichkeit, der Würde, in der das Leben, wie Gott es schenkt und mit Bestimmung füllt, mit neuen Augen gesehen werden kann.

Anfang und Ende erleben wir Menschen ja in unzähligen Weisen, und wir können getrost unsere vielfältigen Erfahrungen von neuen Anfängen, aber auch von Ende, Bedrohung, und Angst vor möglichem Ende in das christliche Verständnis von Anfang und Ende, von Taufe und Tod, hineinlegen. Hineinlegen wie in eine Schale.

Die Momente im Leben, die wir besonders intensiv erleben, sind häufig Momente von Anfang und Ende: die Geburt eines Kindes, eines Enkelkindes, aber auch ein Umzug, die Zeit des Kennenlernens, die Zeit der Eheschließung, ein neuer Beruf, ein neues Studium. Auf der anderen Seite die Diagnose einer Krankheit, das Schließen der Firma, der Verlust der Arbeitsstelle oder nach einem Arbeitsleben der Übergang in den Ruhestand. Auch Krieg und Bedrohungen politischer Natur, deren unmittelbare Auswirkung auf das persönliche Leben nicht überschaubar sind, gehören als Erfahrung von Angst zur Kategorie des Endes.

In intensiven Momenten des neuen Anfangs und in der inneren Auseinandersetzung in den Zeiten von Übergang und Ende sind wir oft sehr mit uns selbst beschäftigt, und die Frage kommt auf: wo in diesem ganzen Universum, das die Welt darstellt, bin ich eigentlich? Was ist mein Platz in dieser Welt? In unserer geistlichen/ spirituellen Suche nach Sinn, nach Bedeutung strecken wir uns nach dem Universum aus, vielleicht sogar ohne es zu wissen:
Während wir ganz konkret alle Vorbereitungen treffen für den neuen Anfang im Studium oder im Beruf oder für ein Kind, während wir ganz konkret den Nachlass der verstorbenen Eltern regeln, während wir die Behandlungsmöglichkeiten für eine Krankheitsdiagnose erforschen oder in den Zeitungen nach stichfesten Analysen der politischen Weltlage suchen, mitten in diesen Aktivitäten sind wir angetrieben von der Frage: wer bin ich in dieser Welt? Was ist meine Aufgabe? Wie kann ich Bedeutung haben, etwas beitragen?

Das sind nicht Fragen, die wegen ihres “ich” als egozentrisch und deswegen verwerflich gelten müssten. Es sind Versuche, sich selbst in Gottes Welt zu verorten. Es sind Rufe, Gebete zu Gott, sich zu zeigen, sich jetzt nicht zu verbergen, es sind Aufforderungen, seine Verheißung einer neuen Welt, einer neuen Schöpfung zu erfüllen.

Wir haben heute einen kurzen Ausschnitt aus dem Danielbuch gelesen: Wie Daniel einen Albtraum hatte von vier großen Tieren, die aus einem aufgewühlten Meer herausstiegen, und wie er sich den Traum erklären ließ. Das Buch Daniel ist ein apokalyptisches Buch. Apokalyptische Literatur entstand in Israel in weisheitlichen Kreisen als Trostliteratur in einer Zeit, als eine Weltherrschaft von der nächsten noch grausameren Weltherrschaft abgelöst wurde. Der Trost für Israel bestand darin, dass Gott als Schöpfer der Welt auch der Herr der Geschichte ist, und so wie Gottes Schöpfung gut ist, so muss es auch einen positiven Ausgang der Geschichte geben. Die Heilszukunft liegt im Reich Gottes jenseits der menschlichen Herrschaft. So heißt es denn am Ende in unser Daniellesung mit tröstender Stimme: “Die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden’s immer und ewig besitzen.”
In unserem Sprachgebrauch heute hat Apokalyptik nichts Tröstendes mehr. Die tröstliche Perspektive auf das Reich Gottes ist in ein Schreckensszenario verwandelt worden, wie uns Hollywood Filme wie Apokalypse Now oder Amargeddon anschaulich zeigen oder wie in der Bücherserie Left Behind zu lesen ist. Hier hat eine biblische Vorstellung ihr eigenes außerbiblisches Leben entwickelt. Selbst in diesen nicht-biblischen Weiterentwicklungen jedoch finden wir die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung und einer heilvoller Zukunft.

Jesus von Nazareth hat die Auffassung von einer heilvollen Endzeit geteilt, in der Gott alle seine Verheißungen erfüllt und Schöpfung und Geschichte zu einem guten Ende bringt. Er hat die Hoffnung seiner Zeitgenossen auf den baldigen Anfang des Reiches Gottes nicht nur geteilt, sondern sich selbst als Gottes Gesalbten verstanden, als den Messias Gottes. In ihm ist das Reich Gottes sogar schon angebrochen, und selbst nach seinem Tod haben wir in Wort und Sakrament ein Unterpfand des Reiches Gottes bei uns, hier in unserer Mitte. Unsere Sehnsucht nach Erlösung, nach einer heilvollen Zukunft, nach Antwort auf unsere Fragen, nach Trost inmitten von Anfechtung geht nicht ins Leere, weil Jesus der Messias unsere eigenen Anfänge und Enden umgreift, umspannt wie eine Schale. Dahinein können wir getrost alles legen.

Unsere Fragen und Gebete, in denen wir uns kleine Wesen im großen Universum anzusiedeln versuchen in der Suche nach Sinn und Ziel, sind nicht ungehört geblieben. Gott hat seinen Messias gesandt, seinen eigenen Sohn als Beginn und Unterpfand der neuen Zeit. Dieser Jesus von Nazareth hat uns sogar für die noch verbleibende Zeit Hilfen gegeben. Geschichten vom Reich Gottes, Beschreibungen und Gebote.

Wenn wir etwas vom Reich Gottes schon jetzt verwirklichen wollen, in dem es Erlösung und Frieden für alle gibt, dann, so sagt er, müssen wir unsere Feinde lieben. Das ist Jesu radikalste Forderung für ein Leben als seine Jünger. Nicht gutheißen, was sie tun, aber lieben müssen wir sie, unsere Feinde, unsere Widersacher. Von hier aus entfaltet sich die ganze weitere christliche Ethik.

Unser Anfang als Heilige liegt in unserer Taufe beschlossen, das Ende unseres irdischen Lebens ist der Übergang in den Chor der Vollendeten, die mit den Engeln den Lobgesang des Schöpfers anstimmen. Die Liebe zum Nächsten und zu unseren Feinden gestaltet unser irdisches Leben. In der Herausforderung, die solche Liebe darstellt, wirft das Reich Gottes seinen Schatten auf uns und gibt uns Mut und Hoffnung, dass der Trost Israels nicht ausbleiben wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Last updated: 2004-11-18 Copyright 2004, Karin I. Liebster