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Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Heute, liebe Gemeinde, sind wir im Jahreszyklus wieder
am Allerheiligensonntag angelangt. Es ist das dritte Jahr,
dass wir hier als deutschsprachige Gemeinde in Houston
diesen Tag in Lied und Psalm, in Gebet und Wort, mit Licht
und im Sakrament begehen.
Allerheiligen ist in Deutschland ein katholischer Feiertag
und in den mehrheitlich katholischen Bundesländern
gibt es dafür am 1. November schulfrei. Deutsche Protestanten
gedenken ihrer Verstorbenen Ende November am letzten Sonntag
im Kirchenjahr, am Ewigkeits- oder Totensonntag. Am Sonntag
zuvor wird der Volkstrauertag begangen, an dem der gefallenen
Soldaten gedacht wird, und an einem Mittwoch im November
gibt es den Buß- und Bettag, einen Tag der Einkehr,
Buße und Reflektion. All dieses, zusammen mit dem
trüben Wetter macht den November für viele Menschen
zu einer traurigen Zeit, wie manchen von uns in Telefongesprächen
mit Angehörigen wohl bewusst ist.
In der katholischen Tradition, in die sich die evangelisch-lutherische
Kirche in Amerika seit ihrer Gründung hineingestellt
hat, ist der Allerheiligentag Anlaß für zwei
Dinge:
- Wir erinnern uns an die Heiligen der Kirche, und
weil der Anfang des Lebens in der Kirche für alle
ihre Taufe ist, verlesen wir die Namen aller, die im
vergangenen Jahr getauft wurden. Die Heiligen sind alle,
die das neue Leben durch die Taufe empfangen haben.
- Und
wir erinnern uns an die, die gestorben sind, die uns
im Glauben vorangegangen sind und Teil der zukünftigen
Welt sind, in der wir gemeinsam das Mahl im Reich Gottes
teilen werden. Menschen erinnern sich an vergangene Zeiten,
und in den Schmerz über den Verlust mischt sich Dankbarkeit
für das Schöne und auch das gemeinsam überstandene
Schwere.
Die Mischung aus Erinnerung und Dankbarkeit für neues
Leben, das Leben aus der Taufe, und Erinnerung und Dankbarkeit
für irdisches Leben, das zuende gegangen ist, gibt
dem Allerheiligentag einen Ton der Feierlichkeit, der Würde,
in der das Leben, wie Gott es schenkt und mit Bestimmung
füllt, mit neuen Augen gesehen werden kann.
Anfang und Ende erleben wir Menschen ja in unzähligen
Weisen, und wir können getrost unsere vielfältigen
Erfahrungen von neuen Anfängen, aber auch von Ende,
Bedrohung, und Angst vor möglichem Ende in das christliche
Verständnis von Anfang und Ende, von Taufe und Tod,
hineinlegen. Hineinlegen wie in eine Schale.
Die Momente im Leben, die wir besonders intensiv erleben,
sind häufig Momente von Anfang und Ende: die Geburt
eines Kindes, eines Enkelkindes, aber auch ein Umzug, die
Zeit des Kennenlernens, die Zeit der Eheschließung,
ein neuer Beruf, ein neues Studium. Auf der anderen Seite
die Diagnose einer Krankheit, das Schließen der Firma,
der Verlust der Arbeitsstelle oder nach einem Arbeitsleben
der Übergang in den Ruhestand. Auch Krieg und Bedrohungen
politischer Natur, deren unmittelbare Auswirkung auf das
persönliche Leben nicht überschaubar sind, gehören
als Erfahrung von Angst zur Kategorie des Endes.
In intensiven Momenten des neuen Anfangs und in der inneren
Auseinandersetzung in den Zeiten von Übergang und
Ende sind wir oft sehr mit uns selbst beschäftigt,
und die Frage kommt auf: wo in diesem ganzen Universum,
das die Welt darstellt, bin ich eigentlich? Was ist mein
Platz in dieser Welt? In unserer geistlichen/ spirituellen
Suche nach Sinn, nach Bedeutung strecken wir uns nach dem
Universum aus, vielleicht sogar ohne es zu wissen:
Während wir ganz konkret alle Vorbereitungen treffen
für den neuen Anfang im Studium oder im Beruf oder
für ein Kind, während wir ganz konkret den Nachlass
der verstorbenen Eltern regeln, während wir die Behandlungsmöglichkeiten
für eine Krankheitsdiagnose erforschen oder in den
Zeitungen nach stichfesten Analysen der politischen Weltlage
suchen, mitten in diesen Aktivitäten sind wir angetrieben
von der Frage: wer bin ich in dieser Welt? Was ist meine
Aufgabe? Wie kann ich Bedeutung haben, etwas beitragen?
Das sind nicht Fragen, die wegen ihres “ich” als
egozentrisch und deswegen verwerflich gelten müssten.
Es sind Versuche, sich selbst in Gottes Welt zu verorten.
Es sind Rufe, Gebete zu Gott, sich zu zeigen, sich jetzt
nicht zu verbergen, es sind Aufforderungen, seine Verheißung
einer neuen Welt, einer neuen Schöpfung zu erfüllen.
Wir haben heute einen kurzen Ausschnitt aus dem Danielbuch
gelesen: Wie Daniel einen Albtraum hatte von vier großen
Tieren, die aus einem aufgewühlten Meer herausstiegen,
und wie er sich den Traum erklären ließ. Das
Buch Daniel ist ein apokalyptisches Buch. Apokalyptische
Literatur entstand in Israel in weisheitlichen Kreisen
als Trostliteratur in einer Zeit, als eine Weltherrschaft
von der nächsten noch grausameren Weltherrschaft abgelöst
wurde. Der Trost für Israel bestand darin, dass Gott
als Schöpfer der Welt auch der Herr der Geschichte
ist, und so wie Gottes Schöpfung gut ist, so muss
es auch einen positiven Ausgang der Geschichte geben. Die
Heilszukunft liegt im Reich Gottes jenseits der menschlichen
Herrschaft. So heißt es denn am Ende in unser Daniellesung
mit tröstender Stimme: “Die Heiligen des Höchsten
werden das Reich empfangen und werden’s immer und
ewig besitzen.”
In unserem Sprachgebrauch heute hat Apokalyptik nichts
Tröstendes mehr. Die tröstliche Perspektive auf
das Reich Gottes ist in ein Schreckensszenario verwandelt
worden, wie uns Hollywood Filme wie Apokalypse Now oder
Amargeddon anschaulich zeigen oder wie in der Bücherserie
Left Behind zu lesen ist. Hier hat eine biblische Vorstellung
ihr eigenes außerbiblisches Leben entwickelt. Selbst
in diesen nicht-biblischen Weiterentwicklungen jedoch finden
wir die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung und einer
heilvoller Zukunft.
Jesus von Nazareth hat die Auffassung von einer heilvollen
Endzeit geteilt, in der Gott alle seine Verheißungen
erfüllt und Schöpfung und Geschichte zu einem
guten Ende bringt. Er hat die Hoffnung seiner Zeitgenossen
auf den baldigen Anfang des Reiches Gottes nicht nur geteilt,
sondern sich selbst als Gottes Gesalbten verstanden, als
den Messias Gottes. In ihm ist das Reich Gottes sogar schon
angebrochen, und selbst nach seinem Tod haben wir in Wort
und Sakrament ein Unterpfand des Reiches Gottes bei uns,
hier in unserer Mitte. Unsere Sehnsucht nach Erlösung,
nach einer heilvollen Zukunft, nach Antwort auf unsere
Fragen, nach Trost inmitten von Anfechtung geht nicht ins
Leere, weil Jesus der Messias unsere eigenen Anfänge
und Enden umgreift, umspannt wie eine Schale. Dahinein
können wir getrost alles legen.
Unsere Fragen und Gebete, in denen wir uns kleine Wesen
im großen Universum anzusiedeln versuchen in der
Suche nach Sinn und Ziel, sind nicht ungehört geblieben.
Gott hat seinen Messias gesandt, seinen eigenen Sohn als
Beginn und Unterpfand der neuen Zeit. Dieser Jesus von
Nazareth hat uns sogar für die noch verbleibende Zeit
Hilfen gegeben. Geschichten vom Reich Gottes, Beschreibungen
und Gebote.
Wenn wir etwas vom Reich Gottes schon jetzt verwirklichen
wollen, in dem es Erlösung und Frieden für alle
gibt, dann, so sagt er, müssen wir unsere Feinde lieben.
Das ist Jesu radikalste Forderung für ein Leben als
seine Jünger. Nicht gutheißen, was sie tun,
aber lieben müssen wir sie, unsere Feinde, unsere
Widersacher. Von hier aus entfaltet sich die ganze weitere
christliche Ethik.
Unser Anfang als Heilige liegt in unserer Taufe beschlossen,
das Ende unseres irdischen Lebens ist der Übergang
in den Chor der Vollendeten, die mit den Engeln den Lobgesang
des Schöpfers anstimmen. Die Liebe zum Nächsten
und zu unseren Feinden gestaltet unser irdisches Leben.
In der Herausforderung, die solche Liebe darstellt, wirft
das Reich Gottes seinen Schatten auf uns und gibt uns Mut
und Hoffnung, dass der Trost Israels nicht ausbleiben wird.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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