Deuteronomium 30, 15-20 14. Sonntag nach Pfingsten
5. September 2004

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Philemon 1-21
Lukas 14, 25-33

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wenn wir in der Post einen Brief bekämen, in dem ein Gefangener sich als alter Mann ausgibt und Christ und uns als lieber Bruder, liebe Schwester anspräche, dann würden wir den Brief schon mit einer gewissen, abwartenden Haltung lesen. Wenn sich dieser ältere Briefschreiber in seinem Brief außerdem dafür einsetzte, einen unserer Angestellten, der uns Geld schuldet, wieder anzustellen und nun wie ein Familienmitglied zu behandeln, dann würden wir uns wohl fragen, was denn das wieder für ein Spinner ist.

Oder wenn ich einen Brief erhielte, in dem ein alter Mann aus dem Gefängnis schreibt, dass er meinen entfremdeten Bruder kennengelernt habe, mit dem es vor vielen Jahren im Streit auseinandergegangen ist, und der bei mir auch noch Schulden hat, die er nie bezahlt hat, – wenn in dem Brief weiter stünde, dass durch Gespräche mit ihm, dem alten Mann, mein Bruder Christ geworden sei, und nun möchte ich mich bitte doch selber als guter Christ wieder mit ihm versöhnen, und im übrigen in der Anlage sei ein persönlicher Scheck über 3000 euro, dann würde ich mich fragen, was für ein Betrug sich denn dahinter verbirgt.

Der Brief, den wir im besten Fall in einem Papierstapel in der Küche oder im Wohnzimmer hätten verschwinden lassen oder gleich zum Altpapier geworfen, hatte den Absender Paulus, Apostel Christi und als Datum ungefähr zwischen 50 und 60 nach Christus.

Der erste Empfänger war Philemon, ein guter Christ, der gute Gemeindearbeit macht, offenbar ein beliebtes, angesehenes Mitglied der Gemeinschaft ist und bei dem es wie im richtigen Leben natürlich auch Schattenseiten gibt, sei es ein Angestellter oder Sklave, der sich verschuldet aus dem Staub gemacht hat, oder das Verhältnis zu dem Bruder, der seine Schulden nie beglichen hat und zu dem die Beziehung abgebrochen ist.

Der Absender war Paulus, und er hat Onesimus kennengelernt, fern von seinem ursprünglichen Kontext. Es kann dabei offenbleiben, ob Onesimus Sklave oder Bruder von Philemon war. Er, Paulus, hat Onesimus kennengelernt als einen, der ihm sehr nützlich ist und ihm wie ein Sohn geworden ist.

Gewiss hat Paulus Onesimus die Bedingungen der Nachfolge Jesu beschrieben, so wie wir sie heute von Jesus gehört haben. Und Paulus selber was für Onesimus ein lebendiges Beispiel dafür, was Nachfolge bedeutete.

Drei Bedingungen listet Jesus auf:
Er sagt zuerst:
“Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.”
Kann das Jesus gesagt haben? Es gibt genug religiösen Hass unter uns.
Jesus meint nicht religiösen Hass, er streut auch nicht Ärger und Feindseligkeit unter Familien, sondern will nur sprachlich den schärfstmöglichen Kontrast herstellen zwischen der Beziehung zur Familie, die den meisten heilig ist, und der Beziehung zu ihm. Als Christ muss man in der Lage sein, die Beziehung zur Familie hinter den Anspruch Jesu auf sein Leben zu stellen.
Im Gespräch zwischen Paulus und Onesimus könnte Paulus so etwas gesagt haben:
Du sollst nicht deine Freunde, deine Familie, oder mich hassen. Wohin das führt, hast Du am eigenen Leibe genug gespürt, Zwietracht, Ärger, Misstrauen, Trennung. Nein, was Jesus meint, ist, stelle das an oberste Stelle, was ich bringe: Versöhnung, die dich in Gottes Augen zu einem ganz neuen Menschen gemacht hat. Heil, das so tief reicht, das deine Beziehungen heilen. Vergebung, die nicht nur die Tilgung alter Schulden ist, sondern der Beginn eines neuen Lebens.
“Wer nicht die Beziehung zu mir höher stellt als zu allen andern, kann mir nicht nachfolgen.”

Jesu zweite Bedingung, die man erfüllen muss, um Jünger / Jüngerin zu werden, lautet:
Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
Was meint Jesus damit? Unser Kreuz tragen.
Nicht, dass unser Leben nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewünscht haben, durch eigene Entscheidungen oder die Umstände oder durch das Verschulden anderer. Auch nicht Krankheit ist Kreuztragen. Sondern um der Sache Jesu willen Opfer auf sich nehmen, riskieren, unverstanden zu bleiben und lächerlich gemacht zu werden.
Ich stelle mir vor, wie gespannt Onesimus Paulus zugehört haben muss in den Erzählungen wie er von einem Christenverfolger zu einem Christus-Nachfolger geworden ist und dabei sein Leben, sein Geld, und sein Ansehen aufs Spiel gesetzt hat. Die Bindung an Jesus hat Paulus dazu gebracht, Konventionen anzutasten und Risiken einzugehen. Und er lädt Onesimus ein, das gleiche zu tun: Paulus schreibt an Philemon, dass er diesen Brief an ihn mit eigener Hand schreibt als Bürge dafür, dass er Onesimus alte Schulden begleichen will. Gerechter Ausgleich ist für Paulus eine konkrete Voraussetzung für eine Versöhnung zwischen Philemon und Onesimus, und um diesen Schritt zu ermöglichen, geht Paulus nun selber ein finanzielles Risiko ein, während er im Gefängnis sitzt und keine Einkünfte hat. Aber was für ein viel größeres Risiko ist es für Onesimus, zu Philemon zurückzukehren und darum zu bitten als Bruder wieder einen Platz in der Gemeinschaft zu erhalten, wieder Ehre und Ansehen zu erhalten, allein um Christi willen, nicht aus irgendeinem selbsterwirtschafteten Verdienst.
“Wer nicht sein Kreuz trägt, kann mir nicht nachfolgen.”

Jesu dritte Bedingung ist:
Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.
Onesimus weiss, alles, was er jetzt hat, muss er loslassen. Als Nachfolger Jesu kann er nun nicht Paulus zum Inhalt seines Lebens machen. Wenn er die Heilung, die Jesu Kommen in die Welt für ihn bedeutet, ernstnehmen will, muss er zu Philemon zurückkehren, zu dem Ort, wo Schuld zu begleichen ist und er um Versöhnung bitten muss.
Paulus bestärkt ihn und verwendet sich für seinen neuen Freund, den er sein sogar Kind nennt, und indem er das tut, gibt auch er etwas auf, sagt sich von etwas los: Paulus setzt seine wohlverdiente Autorität als Apostel der Völker aufs Spiel und schreibt an Philemon, “Obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt (nämlich Onesimus wiederaufzunehmen), will ich um der Liebe willen doch nur bitten, so wie ich bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu.” (Phil 9)
“Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, Güter, Ansehen, Autorität etc., der kann nicht mein Jünger sein.”

Der Brief von dem gefangenen alten Mann Paulus an Philemon flattert auch auf unseren Küchentisch oder Schreibtisch, liebe Gemeinde, und bringt uns zum Nachdenken darüber, wie wir in der Nachfolge Jesu miteinander umgehen, wie wir uns wieder aufnehmen, in der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz. Paulus und Onesimus Beispiel sind aber nicht nur Anlass zu vielleicht betroffenem Nachdenken, sondern geben uns auch die zuversichtliche Hoffnung, dass in der Nachfolge Jesu Beziehungen heilen können und zu einer Plattform werden können, auf der sich das verheißene Leben der neuen Kreatur abspielt.

Die Bedingungen, die Jesus stellt, müssen Onesimus zuerst ungeheuerlich vorgekommen sein. Meine Hoffnung ist, dass Paulus ihm vielleicht diesen Abschnitt aus dem 5. Buch Mose vorgelesen hat, der unmittelbar vor unserer ersten Lesung heute steht:
“Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel ... Es ist auch nicht jenseits des Meeres ... Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.” (5. Mose 30, 11 - 14)

Amen.

Last updated: 2004-11-20 Copyright 2004, Karin I. Liebster