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Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Wenn wir in der Post einen Brief bekämen, in dem
ein Gefangener sich als alter Mann ausgibt und Christ und
uns als lieber Bruder, liebe Schwester anspräche,
dann würden wir den Brief schon mit einer gewissen,
abwartenden Haltung lesen. Wenn sich dieser ältere
Briefschreiber in seinem Brief außerdem dafür
einsetzte, einen unserer Angestellten, der uns Geld schuldet,
wieder anzustellen und nun wie ein Familienmitglied zu
behandeln, dann würden wir uns wohl fragen, was denn
das wieder für ein Spinner ist.
Oder wenn ich einen Brief erhielte, in dem ein alter Mann
aus dem Gefängnis schreibt, dass er meinen entfremdeten
Bruder kennengelernt habe, mit dem es vor vielen Jahren
im Streit auseinandergegangen ist, und der bei mir auch
noch Schulden hat, die er nie bezahlt hat, – wenn
in dem Brief weiter stünde, dass durch Gespräche
mit ihm, dem alten Mann, mein Bruder Christ geworden sei,
und nun möchte ich mich bitte doch selber als guter
Christ wieder mit ihm versöhnen, und im übrigen
in der Anlage sei ein persönlicher Scheck über
3000 euro, dann würde ich mich fragen, was für
ein Betrug sich denn dahinter verbirgt.
Der Brief, den wir im besten Fall in einem Papierstapel
in der Küche oder im Wohnzimmer hätten verschwinden
lassen oder gleich zum Altpapier geworfen, hatte den Absender
Paulus, Apostel Christi und als Datum ungefähr zwischen
50 und 60 nach Christus.
Der erste Empfänger war Philemon, ein guter Christ,
der gute Gemeindearbeit macht, offenbar ein beliebtes,
angesehenes Mitglied der Gemeinschaft ist und bei dem es
wie im richtigen Leben natürlich auch Schattenseiten
gibt, sei es ein Angestellter oder Sklave, der sich verschuldet
aus dem Staub gemacht hat, oder das Verhältnis zu
dem Bruder, der seine Schulden nie beglichen hat und zu
dem die Beziehung abgebrochen ist.
Der Absender war Paulus, und er hat Onesimus kennengelernt,
fern von seinem ursprünglichen Kontext. Es kann dabei
offenbleiben, ob Onesimus Sklave oder Bruder von Philemon
war. Er, Paulus, hat Onesimus kennengelernt als einen,
der ihm sehr nützlich ist und ihm wie ein Sohn geworden
ist.
Gewiss hat Paulus Onesimus die Bedingungen der Nachfolge
Jesu beschrieben, so wie wir sie heute von Jesus gehört
haben. Und Paulus selber was für Onesimus ein lebendiges
Beispiel dafür, was Nachfolge bedeutete.
Drei Bedingungen listet Jesus auf:
Er sagt zuerst:
“Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater,
Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich
selbst, der kann nicht mein Jünger sein.”
Kann das Jesus gesagt haben? Es gibt genug religiösen
Hass unter uns.
Jesus meint nicht religiösen Hass, er streut auch
nicht Ärger und Feindseligkeit unter Familien, sondern
will nur sprachlich den schärfstmöglichen Kontrast
herstellen zwischen der Beziehung zur Familie, die den
meisten heilig ist, und der Beziehung zu ihm. Als Christ
muss man in der Lage sein, die Beziehung zur Familie hinter
den Anspruch Jesu auf sein Leben zu stellen.
Im Gespräch zwischen Paulus und Onesimus könnte
Paulus so etwas gesagt haben:
Du sollst nicht deine Freunde, deine Familie, oder mich
hassen. Wohin das führt, hast Du am eigenen Leibe
genug gespürt, Zwietracht, Ärger, Misstrauen,
Trennung. Nein, was Jesus meint, ist, stelle das an oberste
Stelle, was ich bringe: Versöhnung, die dich in Gottes
Augen zu einem ganz neuen Menschen gemacht hat. Heil, das
so tief reicht, das deine Beziehungen heilen. Vergebung,
die nicht nur die Tilgung alter Schulden ist, sondern der
Beginn eines neuen Lebens.
“Wer nicht die Beziehung zu mir höher stellt als
zu allen andern, kann mir nicht nachfolgen.”
Jesu zweite Bedingung, die man erfüllen muss, um
Jünger / Jüngerin zu werden, lautet:
Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt,
der kann nicht mein Jünger sein.
Was meint Jesus damit? Unser Kreuz tragen.
Nicht, dass unser Leben nicht so gelaufen ist, wie wir
es uns gewünscht haben, durch eigene Entscheidungen
oder die Umstände oder durch das Verschulden anderer.
Auch nicht Krankheit ist Kreuztragen. Sondern um der Sache
Jesu willen Opfer auf sich nehmen, riskieren, unverstanden
zu bleiben und lächerlich gemacht zu werden.
Ich stelle mir vor, wie gespannt Onesimus Paulus zugehört
haben muss in den Erzählungen wie er von einem Christenverfolger
zu einem Christus-Nachfolger geworden ist und dabei sein
Leben, sein Geld, und sein Ansehen aufs Spiel gesetzt hat.
Die Bindung an Jesus hat Paulus dazu gebracht, Konventionen
anzutasten und Risiken einzugehen. Und er lädt Onesimus
ein, das gleiche zu tun: Paulus schreibt an Philemon, dass
er diesen Brief an ihn mit eigener Hand schreibt als Bürge
dafür, dass er Onesimus alte Schulden begleichen will.
Gerechter Ausgleich ist für Paulus eine konkrete Voraussetzung
für eine Versöhnung zwischen Philemon und Onesimus,
und um diesen Schritt zu ermöglichen, geht Paulus
nun selber ein finanzielles Risiko ein, während er
im Gefängnis sitzt und keine Einkünfte hat. Aber
was für ein viel größeres Risiko ist es
für Onesimus, zu Philemon zurückzukehren und
darum zu bitten als Bruder wieder einen Platz in der Gemeinschaft
zu erhalten, wieder Ehre und Ansehen zu erhalten, allein
um Christi willen, nicht aus irgendeinem selbsterwirtschafteten
Verdienst.
“Wer nicht sein Kreuz trägt, kann mir nicht nachfolgen.”
Jesu dritte Bedingung ist:
Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann
nicht mein Jünger sein.
Onesimus weiss, alles, was er jetzt hat, muss er loslassen.
Als Nachfolger Jesu kann er nun nicht Paulus zum Inhalt
seines Lebens machen. Wenn er die Heilung, die Jesu Kommen
in die Welt für ihn bedeutet, ernstnehmen will, muss
er zu Philemon zurückkehren, zu dem Ort, wo Schuld
zu begleichen ist und er um Versöhnung bitten muss.
Paulus bestärkt ihn und verwendet sich für seinen
neuen Freund, den er sein sogar Kind nennt, und indem er
das tut, gibt auch er etwas auf, sagt sich von etwas los:
Paulus setzt seine wohlverdiente Autorität als Apostel
der Völker aufs Spiel und schreibt an Philemon, “Obwohl
ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was
sich gebührt (nämlich Onesimus wiederaufzunehmen),
will ich um der Liebe willen doch nur bitten, so wie ich
bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener
Christi Jesu.” (Phil 9)
“Wer sich nicht lossagt von allem, was er hat, Güter,
Ansehen, Autorität etc., der kann nicht mein Jünger
sein.”
Der Brief von dem gefangenen alten Mann Paulus an Philemon
flattert auch auf unseren Küchentisch oder Schreibtisch,
liebe Gemeinde, und bringt uns zum Nachdenken darüber,
wie wir in der Nachfolge Jesu miteinander umgehen, wie
wir uns wieder aufnehmen, in der Familie, unter Freunden,
am Arbeitsplatz. Paulus und Onesimus Beispiel sind aber
nicht nur Anlass zu vielleicht betroffenem Nachdenken,
sondern geben uns auch die zuversichtliche Hoffnung, dass
in der Nachfolge Jesu Beziehungen heilen können und
zu einer Plattform werden können, auf der sich das
verheißene Leben der neuen Kreatur abspielt.
Die Bedingungen, die Jesus stellt, müssen Onesimus
zuerst ungeheuerlich vorgekommen sein. Meine Hoffnung ist,
dass Paulus ihm vielleicht diesen Abschnitt aus dem 5.
Buch Mose vorgelesen hat, der unmittelbar vor unserer ersten
Lesung heute steht:
“Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht
zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel ... Es
ist auch nicht jenseits des Meeres ... Denn es ist das Wort
ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen,
dass du es tust.” (5. Mose 30, 11 - 14)
Amen.
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