Jesaja 6, 1-13 (Trinitas, deutsches Lektionar) Heilige Dreifaltigkeit - Trinitas
6. Juni 2004

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Römer 11, 33-36 (Trinitas, deutsches Lektionar)
Johannes 16, 12-15 (Year C)

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll.

Die Kirche hat sich nach langem Zögern entschlossen, der Heiligen Dreifaltigkeit ein eigenes Fest zu geben, nur im Westen allerdings, die Ostkirche kennt kein eigenes Trinitatisfest. Entwickelt wahrscheinlich in der liturgischen Frömmigkeit benediktinischer Klöster ist es ein Ideenfest. Anders als Weihnachten, Ostern und Pfingsten feiern wir heute kein Ereignis in der Geschichte Gottes mit der Kirche, sondern setzen sozusagen einen Schlusspunkt unter die drei großen Heilsereignisse unseres Glaubens: nach Weihnachten - dem Werk des Vaters, nach Ostern - dem Werk des Sohnes, nach Pfingsten - dem Werk des Heiligen Geistes.

Der Sonntag Trinitatis lädt uns ein, uns an diesen Gott, der Mensch wurde, der den Tod überwand und immer noch bei uns ist, zu erinnern und dem Geheimnis der Einheit Gottes in der Dreiheit zu begegnen. Wir sind eingeladen, unser Herz der Tiefe Gottes zu öffnen, unsere Ohren Unerhörtes hören zu lassen, unsere Augen Ungeschautes sehen zu lassen.

Dieses Geheimnis, das wir mühsam mit Dreifaltigkeit, Drei-einigkeit, oder Trinität bezeichnen, hat schon die Kirchenväter und auch Martin Luther vor Rätsel gestellt:
Bei Augustin lesen wir: “Licht ist der Vater, Licht der Sohn, Licht der Heilige Geist, und doch sind sie zusammen nicht drei Lichter, sondern ein Licht.”
Eine wunderbare Beschreibung der Gottheit, einleuchtend und konkret, gleichzeitig wird uns deutlich, wie begrenzt unsere eigene Wahrnehmung nur sein kann: wenn wir drei Lichter sehen, sehen wir eben immer noch nur drei Lichter.

Und Martin Luther teilt uns folgende Einsicht mit:
“Man begeht heute das Fest der heiligen Dreifaltigkeit, welches wir auch ein wenig müssen rühmen, dass wirs nicht umsonst feiern; wiewohl man diesen Namen ‘Dreifaltigkeit’ nirgends findet in der heiligen Schrift, sondern die Menschen haben ihn erdacht und erfunden [...]. Dieses Wort bedeutet aber nun, dass Gott dreifaltig ist in den Personen. Das ist nun ein himmlisch Ding, das die Welt nicht verstehen kann [...]. Die Hohen Schulen haben mancherlei distinctiones, Träume und Erdichtungen erfunden, damit sie haben wollen anzeigen die heilige Dreifaltigkeit, und sind darüber zu Narren geworden.” Und er schließt: “Ich weiß wohl, dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sind; aber wie sie Ein Ding sind, das weiß ich nicht und soll es auch nicht wissen.”
(Zitate aus GPM 53/3, 1999, S. 289)

Die Moderne freilich hat sich nicht daran gestört, etwas nicht wissen zu sollen, und hat sich wissensdurstig an die Erforschung aller Geheimnisse auf Erden und im Himmel gemacht. Für viele Fortschritte, die uns unser tägliches Leben erleichtern, sind wir sehr dankbar und singen unserem Schöpfer Lob und Preis. Das Geheimnis Gottes haben wir bisher aber noch nicht entschlüsseln können. Viele haben sich von Gott und seinem unfassbaren, dreifaltigen Wesen abgewandt; in vielen Bereichen des Lebens ist die Dimension des Heiligen verloren gegangen. Viele Menschen betrachten das Leben als eine rein profane Angelegenheit. Andere haben sich Gott zu einem moralischen Übervater zurechtgelegt, der so ist, wie man ihn gerne haben möchte und vor allem geheimnislos.

Es ist eigentlich im Sinne unserer Lesungen “unerhört” und “ungesehen”, dass es noch immer Leute gibt, die dem Geheimnis Gottes Vertrauen schenken, die der Heiligkeit und Andersartigkeit Gottes ihre Herzen öffnen, sich trauen, im Raum der Heiligkeit zu verweilen, auszuhalten, das Unfassbare bestaunen.

Jesaja hält seine Vision Gottes im Tempel aus, aber er hat Angst zu sterben, weil der Herr Zebaoth, der Herrn der himmlischen Heere im Raum ist, sein Saum füllt den Tempel. Jesaja wird sich plötzlich seiner eigenen Unreinheit, seiner Unvorbereitetheit angesichts der Offenbarung des heiligen, geheimnisvollen Gottes bewusst. Was machen Menschen, um der Gegenwart standhalten zu können und nicht auf der Stelle zu sterben? Wie können auch wir uns in Gottes Gegenwart begeben?

Ein Ritual rettet ihn, oder besser, versetzt ihn in den Zustand, in dem das Licht, das Gott nach Augustin ist, ihn nicht wie ein Feuer vernichtet. Eines der Wesen, ein Seraph, berührt seine Lippen mit glühenden Kohlen und nimmt so alle Schuld von ihm. Das Ritual der Sündenreinigung gibt Jesaja den Schutz, den er braucht, das Symbol des Feuers, des Lichtes schützt ihn vor dem Abgrund, in den jeder unweigerlich fällt, der dem lebendigen Gott begegnet.

Sind nicht die meisten von uns, die protestantisch aufgewachsen sind, aufgewachsen in Kirchen ohne Sinnbilder, ohne eine ewige Flamme z. B., das göttliche Licht am heiligen Ort, das uns angezeigt hätte, wem wir uns nähern und wer uns umgibt? Wie sollen wir unsern Kindern oder neuen Christen wenigstens ein Abbild davon geben, dass der Vater “Licht ist ... , Licht der Sohn, Licht der Heilige Geist, und doch sind sie zusammen nicht drei Lichter, sondern ein Licht.”?

Im Laufe unserer Geschichte, besonders in Deutschland, sind viele unserer religiösen Symbole und Rituale konfessionalisiert worden und damit instrumentalisiert. Die “ewige Flamme” ist zu einem ausschließlich katholischen Gegenstand gemacht worden. Auch die Bekreuzigung ist lange als etwas verstanden worden, das nur katholische Christen machen. Langsam gewinnen wir das Bekreuzigen wieder und lernen das Glück zu spüren, das einen durchlaufen kann, wenn man sich mit dem Zeichen des Kreuzes an die eigene Taufe erinnert, an das neue Leben, das dieser geheimnisvolle drei-einige Gott uns spendet. Ein machtvoller Trost, der uns mitten im Leben an die Heiligkeit des Lebens erinnert. Und ein mächtiges Zeichen, das Kreuz mit dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, das man überall mit hinnehmen kann, auch dorthin, wo kein Taufbecken ist, ins eigene Gebet, ans Krankenbett, in den Abschied von lieben Menschen, in den Segen für Reisende, an das Bett schlafender Kinder und Jugendlicher. Mit etwas Mühe können wir Rituale wieder lernen. Sie helfen uns, uns dem Geheimnis der Gottheit zu nähern und zugleich schützen sie uns davor, im Licht Gottes nicht sofort wie in einem Feuer zu vergehen.

Wenn wir an diesem Sonntag über die heilige Dreifaltigkeit Gottes nachdenken und wie man sich Gottes Heiligkeit stellen kann, passt es so gar nicht zu dem anderen Anlass, der uns Deutsche und Amerikaner am 6. Juni auch beschäftigt.

Heute ist der 60. Jahrestag des D-Day, des Tages der Invasion der westlichen Alliierten in der Normandie. Als Deutsche erinnern wir uns dankbar an diesen Tag, der schließlich das Ende des Zweien Weltkrieges herbeiführte. Gleichzeitig trauern wir um das verlorene Leben auf allen Seiten, die wüsten Städte, die leeren Häuser, und wir erkennen vor Gott, dessen Saum im Tempel genügt, um uns seine Heiligkeit vor Augen zu führen, unsere eigene Unheiligkeit, unsere Fehler und Verführung. Umso freudiger begrüßen wir als Zeichen der Versöhnung die erste Einladung an einen deutschen Bundeskanzler, an den Feierlichkeiten in der Normandie teilzunehmen. Offenbar wird der Bundesrepublik heute zugetraut, positiv mit solch einer Geste umzugehen, die zweifellos auch ambivalente Gefühle auslöst.

Kriege bringen immer das Unheilige, das Profane in uns Menschen hervor und stehen damit immer im Kontrast zum Willen Gottes, den wir ja nicht nur als Vater, Sohn und Heiligen Geist kennen, sondern auch als Schöpfer, Versöhner und Erlöser. Es ist dabei ganz gleich, ob ein Krieg zu Recht oder zu Unrecht geführt wird, worüber man sich in jedem Einzelfall gern und lange streiten kann und muss.

“Licht ist der Vater, Licht der Sohn, Licht der Heilige Geist, und doch sind sie zusammen nicht drei Lichter, sondern ein Licht.”

Das Geheimnis göttlicher Heiligkeit werden wir nie ganz entschlüsseln können. Wir sehen und hoffen jedoch, dass Gott die Welt immer wieder mit seinem Glanz füllt, dass Gott, da, wo heiliger Raum geöffnet ist, sich auch zeigt und zu uns kommt. Dank sei unserem Herrn Jesus Christus, der uns den Vater gezeigt hat und den Heiligen Geist zu uns schickt, den Geist der Wahrheit, der kommen wird, und uns in alle Wahrheit leiten wird.

Amen.

Last updated: 2004-11-20 Copyright 2004, Karin I. Liebster