1. Kor 15, 1-11 Ostersonntag
11. April 2004

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Lukas 24, 1-12 (Osterverkündigung am Taufstein)
Lukas 24, 13-35

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Was ist eigentlich das Thema von Ostern, liebe Gemeinde? Ist es das Leben, das neue, das schöne, das kraftvolle? Oder ist das Thema von Ostern der Tod, der alles Leben beendet und dem zum Trotz wir leben? Wieviel von unserm Leben verbringen wir damit, dem Tod zu trotzen, ihn zu verleugnen, aber auch ihn zu besiegen?

Als Studentin habe ich mich oft geärgert über Predigten an Ostern, die nur über den Tod zu sprechen schienen und nicht über das Leben. Vielleicht waren diese Predigten wirklich schlecht, aber es war wahrscheinlich eher die jugendliche Selbstgerechtigkeit einer eifrigen Theologiestudentin, die hier sprach.

Wenn wir uns jedoch im Augenblick umschauen in unserer Welt, dann müssen uns eigentlich allen die Tränen nur so von den Wangen herabströmen.

  • Im Irak tobt ein Krieg und Aufstand, der täglich Irakern, Amerikanern und Angehörigen vieler anderer Nationalitäten das Leben kostet. Ein grausamer Krieg, der noch lange nicht vorüber ist trotz gegenteiliger früherer Proklamation.
  • Terroranschläge hören nicht auf. In Madrid, am anderthalbjährigen Jahrestag der Anschläge von New York und Washington in 2001, und im Herbst in Istanbul rissen Bomben hunderte Menschen in den Tod, hinterlassen lebenslange Verletzungen und Wunden, die Menschen das Grundvertrauen ins Leben verlieren lassen.
  • In Israel wird in einem erbarmungslosen Krieg seit nunmehr mehreren Jahrzehnten ununterbrochen Blut vergossen zwischen Israelis und Palästinensern. Im 21. Jahrhundert baut das Volk eine Mauer durch sein Land, das Gottes auserwähltes Volk ist.
  • In Ruanda sind vor zehn Jahren in einem Zeitraum von 100 Tagen 800 000 Menschen ermordet worden. In so vielen Fällen waren katholische Priester und Nonnen an den Vergehen beteiligt, dass die Menschen in Scharen die Kirche verlassen und sich anderen Religionen zuwenden.
  • In unserer eigenen kleinen Welt hier im Rice Village läuft jemand mit einer Waffe herum und hat im März eine Frau angeschossen und eine weitere ermordet. Einfach so.

Das Leiden in der Welt ist da. Es ist wirklich, und gar nicht weit weg. Es gibt viel zu beweinen, zu viel.

Was also ist das Thema von Ostern? Leben oder Tod?

Schauen wir kurz in das Grab hinein, in das die Frauen am Ostermorgen gehen. Nur kurz, denn das wissen wir, hier ist Jesus nicht. Hier werden wir das Leben nicht finden. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?, sagen die beiden Engel zu den Frauen. Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Sie sagen aber noch etwas, diese beiden Männer: Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. - Und sie gedachten an seine Worte. Und drehen um und erzählen den Jüngern, was geschehen ist.
Gedenken, sich erinnern, an Jesus, sein Leben, seine Arbeit, sein Heilen, seine Geschichten. Gedenken, erinnern, und erzählen - das scheinen Stichworte zu sein.

Schauen wir auch nach Emmaus, wo die beiden traurigen Jünger am Ostersonntagnachmittag hingehen.
Emmaus, liebe Gemeinde, müssen wir uns vorstellen als den Ort, wo wir hingehen, um der Realität zu entfliehen, eine Kneipe, ins Kino, vielleicht sogar ins Kasino, wo immer wir hingehen, um die Arme hochzuwerfen und sagen, soll doch alles den Bach ‘runtergehen, ist sowieso egal. Emmaus kann sein sich was Neues anzuziehen kaufen, oder ein neues Auto, das Web surfen, zur Kirche gehen, Emmaus kann sein, mehr zu rauchen als sonst, mehr zu trinken, als man weiß ist gesund, schlechte Bücher lesen oder schreiben, sich in Arbeit vergraben - was auch immer wir machen oder wo wir hingehen, um zu vergessen, dass in dieser Welt nichts heilig und nichts ewig ist, dass die Weisesten und Besten und Schönsten vergehen und sterben; dass selbst die vernünftigsten und edelsten Gedanken über Gerechtigkeit, Liebe und Frieden ganz bestimmt immer verdreht und missbraucht werden von eigennützigen Leuten zu eigennützigen Zwecken.

Was geschieht an dem Nachmittag und Abend in Emmaus?
Da, wo die Jünger hingehen oder besser hinfliehen, weil ihnen das Leben zuviel geworden ist, da gesellt sich Jesus zu ihnen, unerkannt. Und sie erzählen und reden, sie hören zu und werden erinnert. Jesus, der Fremde, erinnert sie an ihre eigene Geschichte, an die Geschichte Gottes mit den Menschen, wie sie in Moses, den Propheten und auch in den Psalmen erzählt wird. Und später, als Jesus schon wieder weg ist, erinnern sie sich, dass ihnen ganz warm ums Herz war, ja es brannte sogar, als Jesus mit ihnen sprach und sie erinnerte und die Geschichte Gottes mit den Menschen in ihrer Mitte zum Leben brachte.
Der Fremde, der Unbekannte auf dem Weg nach Emmaus ist der Auferstandene, er ist das Leben. Auf der Flucht vor der Realität gesellt sich unerkannt das Leben dazu, und wird erst nachher erkannt.

Die Augen werden geöffnet im Augenblick als über Brot und Wein das Gebet gesprochen wird und Brot und Wein selber noch einmal die Geschichte vom Tod und Leben Jesu erzählen. Im Brot und Wein ist Jesus selber da, darum kann er als Gestalt nun verschwinden.

Das Erinnern, das Gedenken der Jünger wird zum Erleben. Es ist ihnen warm ums Herz, wir würden vielleicht sagen, sie werden von Energie erfüllt und drehen um, gehen schnurstracks nach Jerusalem zurück und erzählen den andern Jüngern, was sie erlebt haben. Und auch die haben ihnen schon was zu erzählen, entgegenzurufen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.

Gedenken, erinnern, umkehren und erzählen gehen - wie für die Frauen, sind das nun für alle Osterzeugen die Stichworte der neuen Zeit. In die Zeit, in der sie noch der Todesrealität zu entfliehen versuchen, ablenken, weggucken, alles abschreiben, weil sowieso alles egal ist, bricht unerkannt schon Auferstehung hinein - im Erinnern, Gedenken, Erzählen. Und das geschieht oft am besten um einen Tisch, in der Küche, in der Kneipe, auf einer Parkbank. Und nie weiß man, ob im Gespräch, im Gebet oder im Teilen von Brot und Wein nicht plötzlich doch der Herr gegenwärtig ist. Denn oft weiß man erst nachher, ob einem ums Herz warm war, und nicht nur vom Schnaps, sondern vom lebendigen Herrn.

Schauen wir noch kurz zu Paulus hinüber, bei dem ist es ja nicht viel anders: auch hier ist das Stichwort Erinnern, Erzählen, die Schrift, denn die Schrift enthält ja die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen, die mit dem Tod Jesu nicht aufhört, sondern mit dem Leben des Auferstandenen weitergeht, ohne je wieder aufzuhören.

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe. Ich, der ich der geringste unter den Aposteln bin, eine unzeitige Geburt (ich weiß nicht, was das heißt, liebe Gemeinde, aber es klingt nicht gut...) auch ich habe als letzter in der Kette der Zeugen Christus, den Auferstandenen, gesehen und habe von der Gemeinschaft der Zeugen diese Tradition erhalten:
Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; 5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

Dies ist der Kern unserer Geschichte, liebe Gemeinde. Christus gestorben für unsere Sünden nach der Schrift. Auferstanden nach der Schrift, und gesehen worden, von Kephas, Petrus und den Jüngern. In diesem Kern sind Tod und Leben drin. Gestorben und auferstanden. Offenbar kann man sie nicht auseinander trennen, den Tod und das Leben, das Leben und den Tod.

Während unsere Gesichter noch tränennass sind, liebe Gemeinde, und wir wissen, dass die Tränen nicht so schnell versiegen werden, lasst uns unserem Gott vertrauen und die Geschichte weitererzählen, so wie die Frauen, so wie die Jünger, so wie Paulus. Lasst uns erinnern an das Leben mit Gott, andere erinnern an die Geschichte Jesu und die Geschichten Jesu, an die ganze Schrift von vorne bis hinten, lasst uns an den Tischen und in den Tischgemeinschaften unseres Lebens das bestärken, was uns im Brechen des Brotes und Teilen des Weines am Altar verheißen ist:
Die Gegenwart unseres auferstandenen Herrn und Heilands Jesus Christus, der kommt, unerkannt und doch erkannt, ganz gewiss, und der der Frieden dieser Welt ist.

Amen.


Ostern:

Newsweek, titelblaetter, Da vinci code - Konspiration.

Es geht um tiefe Identitätsfragen, Werte, an denen wir hängen, abhängen,unsere ganze Welt, ihre Interpretation. Es ist kess, damit zu spielen, infrage zu stellen, rebellion, auflehnen gegen Autorität, die Oberen,das Establishment.

Last updated: 2004-11-20 Copyright 2004, Karin I. Liebster