Jesaja 62, 1-5 Epiphanias, 1. Februar 2004
Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
1. Kor 12, 1-11
Johannes 2, 1-11

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Als Israel im Jahr 537 v.Chr. aus dem babylonischen Exil heimkehrte, stellte sich bald heraus, dass der Wiederaufbau Jerusalems und Judäas sich schwierig gestaltete, schwieriger als erwartet. Unter den Heimgekehrten breitete sich bald Hoffnungslosigkeit aus und sie fühlten sich verlassen und einsam, genauso wie das Land verlassen und einsam war.

Auf dem weiten Weg von Babylon nach Hause hatten sie ganz dem Ruf des Propheten vertraut, “Tröstet, tröstet, mein Volk”, und ihre Hoffnung auf den Gott gesetzt, der ihre Urahnen durch das Rote Meer und die Wüste in die Freiheit geführt hatte. Jetzt aber prallten Traum und Wirklichkeit aufeinander. Es war nichts da für den wirtschaftlichen Aufbau, auch keine Stadtmauer, kein Tempel. Was das Schlimmste war: die Führungskräfte waren eine Katastrophe. Jesaja nennt es schonungslos beim Namen (Jes 56, 10 - 12): “Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können. Das sind die Hirten, die keinen Verstand haben; ein jeder sieht auf seinen Weg, alle sind auf ihren Gewinn aus und sagen: Kommt her, ich will Wein holen, wir wollen uns vollsaufen, und es soll morgen sein wie heute und noch viel herrlicher!”

Herrlichkeit aber finden sie nicht. Sie stoßen nur an ihre Grenzen.

Man könnte fast meinen, wir hätten ein Dokument aus unserer Zeit gelesen. Völker in vielen Ländern dieser Welt versuchen ihre Gemeinwesen wiederaufzubauen nach Krieg oder im Kampf gegen Epidemien. Menschen kämpfen mit ökonomischen Ungewissheiten und warten auf Zeichen der Hoffnung. Und währenddessen geht das Leben weiter: Kinder werden geboren und aufgezogen, die Kranken werden gepflegt, Nahrung wird herbeigeschafft, Menschen sterben, Menschen teilen die Freuden und die Leiden.

Als Paulus im Jahr 53 n. Chr. an die Gemeinde in Korinth schreibt, eine Gemeinde, mit der er sich tief verbunden fühlt, die er liebt wie ein Vater seine Kinder, schreibt er an eine Gemeinde, die zerstritten ist, zersplittert, verbittert, prahlerisch und herablassend.

Sie mögen zwar die richtigen Sachen sagen, wie z. B. “Jesus ist Herr” - welches unser kürzestest Glaubenbekenntnis ist -, aber sie haben keine Ahnung, dass sie als Gemeinschaft nicht Jesu Herr-sein oder Gottes Herrlichkeit widerspiegeln, sondern nur ihre eigenen Grenzen und ihre Begrenztheit.

Als Jesus zur Hochzeit nach Kana kommt, gerät er in eine Situation, die in null komma nichts zur Katastrophe werden kann und den Bräutigam seine ganze Ehre kosten - durch einen begrenzten Vorrat an Wein.

Ah, heute ist Hochzeit, lasst uns einmal nicht an das denken, was nicht geht, heute lasst uns feiern. Her mit dem Wein! Morgen kümmern wir uns wieder um unsere Grenzen und Begrenzungen! Jesus rettet den Bräutigam und seine Ehre. Darum lieben wir diese Geschichte. Darum lieben wir Jesus hier. Wegen dieses herrlichen Wunders. Könnte uns Jesus nicht auch manchmal so zur Hilfe kommen?

Aber Johannes macht uns schnell klar, dass die Wandlung von Wasser zu Wein, zu schier unbegrenzten Mengen von Wein nicht alles ist. Das eigentliche Wunder liegt sogar woanders, liebe Gemeinde.

Die Geschichte vom Weinwunder zu Kana, von der Hochzeit in Kana, ist ein Symbol, ein Glaubenssymbol für die Herrlichkeit Gottes..

Johannes stellt hier am Anfang des Evangeliums klar: Jesus ist da, Jesus hat die Bühne betreten. Das Weinwunder ist sein erstes Zeichen. Er hat die Krippe und die passive Rolle des Babies hinter sich gelassen. Und tatsächlich, dieser Jesus ist Herr. Er offenbarte seine Herrlichkeit. Und die Jünger glaubten an ihn. “Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten” - das ist das Wunder in der Geschichte. Das Beste kommt noch - das ist das Wunder, darin offenbart sich seine Herrlichkeit.

Unser Morgen wird nicht so sein wie unser Heute. Mit diesem Herrn auf der Bühne, bei uns, kommt das Beste noch. Die Zukunft wird besser sein als die Vergangenheit, das Beste liegt vor uns.

Jesu Herrlichkeit ist nicht auf die Hochzeit beschränkt. Seine Herrlichkeit breitet sich grenzenlos aus in unserem Leben, in unseren Kreisen, unseren Kirchen überall und zu allen Zeiten. Die Freude, die wir in der Gegenwart dieses Herrn spüren, ist unbegrenzte, wahrhaftig berauschende Freude ohne Kopfweh und Nebeneffekte.

In der Gegenwart dieses herrlichen Herrn verschiebt sich unsere Wahrnehmung von Zeit. Wir sind nicht mehr ausschliesslich durch unsere eigenen, individuellen oder gemeinsamen Begrenzungen in der Vergangenheit bestimmt. Die Freude über diesen Herrn erlaubt uns eine Perspektive aus der neuen Zeit, die jetzt anfängt, noch vor uns liegt und die Beste ist.

Auch wir glauben an diesen Herrn wie die Jünger, und haben im Abendmahl einen Vorgeschmack auf das Fest, das vor uns liegt und ohne Ende ist.

Und Paulus glaubt an diesen Herrn Jesus. Er hat ein kühnes Bild von der Herrlichkeit Christi in unserer Welt. Er sagt, die Kirche ist der Leib Christi. In der Kirche ist Jesus da, unter uns in Herrlichkeit. Das ist Paulus Botschaft an die zerstrittenen Korinther. Er sagt nicht, bessert euch erst, dann wird vielleicht die Herrlichkeit Christi unter euch erscheinen. Nein, ihr seid der Leib Christi und der Ort seiner Herrlichkeit. Ihr alle habt Gaben, Talente bekommen. Benutzt sie zum Wohl und Nutzen aller und stärkt damit eure Gemeinschaft, statt eure Gaben gegeneinander auszuspielen und kaputtzumachen. Und so gibt Paulus den Korinthern eine neue Sicht, auf die Herrlichkeit Gottes, die schon da ist in ihrer Kirche und die noch herrlicher wird.

Auch der Prophet Jesaja glaubte an die Herrlichkeit Gottes, die sich dem Volk Israel immer wieder offenbarte, oft dann, wenn es am wenigsten wahrscheinlich schien. Jesaja besaß die Gabe der Hoffnung entgegen aller Wirklichkeit und die Gabe der Erinnerung an Gottes Verheissungen. Auch er glaubte, dass das Beste noch kommt und Gott es für jetzt aufhebt. Er sieht nun die Leitung des Volkes Israel als Wächter auf den Mauern Jerusalems, wo sie Tag und Nacht Wache halten und unablässig zu Gott rufen, bis er Jerusalem wieder gründet.

Mit den Wächtern in Jerusalem und in Erinnerung an die Hochzeit zu Kana, auf der Jesu unbegrenzte Herrlichkeit unter uns manifest wurde, sind wir selber eingeladen, Gott daran zu erinnern, dass er auch unter uns herrlich sein möge und gegenwärtig. Dass er uns nicht aufgebe und verlasse, nicht unsere Hochzeiten, unsere Häuser und Familien, die Zimmer der Kranken und Sterbenden, nicht unsere Gottesdienste und Abendmahlsfeiern. Weil auch wir glauben, dass das Beste mit Christus begonnen hat und noch kommt, wie Jesaja sagt:

“Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird. Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Man soll dich nicht mehr nennen »Verlassene« und dein Land nicht mehr »Einsame«, sondern du sollst heißen »Meine Lust« und dein Land »Liebe Frau«; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann.Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.”

Amen.

Last updated: 2004-11-20 Copyright 2004, Karin I. Liebster