Maleachi 3,1-4 2. Advent
7. Dezember 2003

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Philipper 1,3-11
Lukas 3,1-6

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

“... und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.” (Luke 3:6)

Das ist es, worauf wir zuleben, liebe Gemeinde, nicht nur in dieser Adventszeit, in Erwartung des Weihnachtsfestes, sondern unser ganzes Leben lang, daß “...alle Menschen den Heiland Gottes sehen werden .”

Viele von uns sind dem Heil Gottes schon einmal begegnet in ihrem Leben, in Momenten, wenn plötzlich in intensiver und unfassbarer Weise die Zeit stehen bleibt, wenn Anfang und Ende zusammenzuschmelzen scheinen und eins werden. Dies kann in allen möglichen Lebenssituationen geschehen und es ist jedesmal ein Zeichen der Erfüllung der Zeit, das Ende der Zeit, die wir in Stunden und Minuten zählen können. Wenn wir uns umhören, dann ist es vielen schon so geschehen. Aber wir können die erfüllte Zeit nicht festhalten. Sie rutscht immer wieder weg. Wenn wir es aber schaffen, offen zu bleiben für Gottes Gegenwart in unserem Leben und uns nicht zuwuchern lassen von all dem, was täglich seine vorrangige Wichtigkeit beanspruchen will, dann werden wir die Sehnsucht nach solchen erneuten unfassbaren Momenten nicht verlieren, in denen wir das Heil und den Heiland Gottes sehen.

Advent ist die Zeit der freudigen Erwartung, des Nach-vorne-Sehens, der Vorbereitung auf das unergründliche Geheimnis Gottes, der sich für uns ganz unverständlich dazu entschieden hat, nicht einsam im Kosmos und in der Ewigkeit zu bleiben, sondern sich uns Menschen zugewandt hat, “sich entäußert und Knechtsgestalt angenommen hat” in einem Kind, wie Paulus uns im Philipperbrief erklärt. (Phil 2: 6-7)

Unsere Vorbereitung auf einen solch gnädigen, menschenfreundlichen Gott kann nie ganz vollständig sein, liebe Gemeinde, nie gut genug, edel genug, ehrlich genug. Deshalb ist die Adventszeit in der christlichen Tradition eine stille Zeit, eine Zeit der Umkehr, der Einkehr, wenn auch in freudiger Erwartung. Es kann nicht schaden, das Tempo einmal zu verlangsamen, anzuhalten und das Gloriasingen für ein paar Wochen wegzulassen.

In unserem Haus wird im Augenblick diese Mischung aus grosser Vorfreude und adventlichem Verhalten/ Langsamer-Gehen sehr intensiv erlebt. Unsere Kinder wickeln alle möglichen Schachteln und Dinge in Geschenkpapier ein, die meisten allerdings leer, denn es gibt noch nichts einzupacken. Unser jüngster Sohn, Augustin, sah diese Woche vom Auto aus einen sehr lebhaft geschmückten Vorgarten und rief aus, “Die haben schon alles für Weihnachten fertig!” Und dann zu sich selbst, “Warum ist es denn noch nicht Heilig Abend?!”

Es scheint, viele Leute sind schon fertig für Weihnachten, haben alles vorbereitet, nach all den prächtigen und auch weniger prächtigen Dekorationen zu urteilen. Alles dies ist wunderschön und erfreut das Auge, aber nur so lange, wie die Menge der Gegenstände und der Wettstreit um die schönsten Krippenszenen nicht unsere Sehnsucht und unser Wissen um das zukleistern, wonach unsere Seele verlangt, nämlich das Heil Gottes zu sehen.

Lukas erinnert uns heute daran, wie unsere Zeit und die Zeit Gottes aufeinandertreffen und wir immer nur versuchen können, diese beiden verschiedenen Zeiten miteinander zu vereinbaren. Denn wir selber werden niemals Gottes Zeit und die Zeit dieser Welt miteinander versöhnen können.

Alles, was Lukas zu Beginn seiner Einführung von Johannes dem Täufer macht, ist, den Gegensatz der Zeit der Mächtigen seiner Epoche und der Zeit Gottes aufzuzeigen. Niemand bereitet den Weg und macht die Steige richtig für den Kaiser Tiberius in Rom und den Statthalter Pontius Pilatus in Judäa und den Landesfürsten Herodes in Galiläa oder seinen Bruder Philipp in Ituräa und Trachonitis, oder Lysanias in Abilene. Auch nicht für die Hohenpriester Hannas und Kaiphas. Niemand macht ihren Weg bereit außer ihren eigenen Armeen, die aber doch keinen göttlichen Frieden herbeiführen können. Und das Wort Gottes kommt nicht zu ihnen, sondern zu Johannes, dem Propheten.

Johannes verkündet den allmächtigen Gott, der auf niedrig gemachten Bergen und Hügeln und gerade gemachten Steigen als ein schutzloses Kind und als Knecht einzieht, der weder eine Armee braucht noch nach einer fragt.

Wie können wir einen solchen Gott nicht nur erwarten, sondern uns auf sein Kommen vorbereiten? Eine Art, ja, die Art sich auf einen solchen ohnmächtig-allmächtigen Herrn vorzubereiten, ist die Taufe. Genau das ist Johannes Anliegen. Er bereitet die Ankunft Jesu vor mit der Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.

Es ist ein schönes Zusammentreffen, daß wir heute an diesem 2. Adventssonntag die kleine Susanna Marie taufen können, so daß wir alle vor Augen geführt bekommen, daß wir uns ja aus eigener Kraft gar nicht auf die Ankunft Gottes vorbereiten können, sondern daß Gott selbst uns in das Geschehen mit hineinnimmt, ohne unser Zutun oder unsere eigene Leistung.

Ich denke, daß Sie, Johann und Maria, in den letzten 5 Jahren diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht haben: Bei allen Vorbereitungen, die Sie getroffen haben für Ihre Übersiedlung von Deutschland nach Houston, ist einem doch das Gelingen letztlich aus der Hand genommen. Wir sind nie so vorbereitet, daß wir uns selbst den Erfolg ganz zuschreiben können. In der Erwartung und Geburt eines Kindes wird es dann nocheinmal ganz deutlich: man kann viel vorbereiten, aber für das Ereignis der Geburt und für den Menschen, der dann das Licht der Welt erblickt, kann man sich nicht vorbereiten, das können wir nur im Augenblick selbst aus Gottes Hand empfangen.

Darum, wenn wir ein Kind zur Taufe bringen, dann sagen wir, Gott, du bist es, der uns bereitet hat und auf dieses Leben vorbereitet. Die Taufe ist ein so grosses Geschenk, weil Gott hier handelt und, obwohl die Berge und Hügel noch hoch sind und die Täler noch lange nicht eben sind, stellt Gott uns schon in seine Zeit und sein Reich hinein. Und wenn wir in z.B. den Neuanfängen unseres Lebens, in der Geburt eines Kindes oder auch am Ende des Lebens die Gewißheit unserer Unzulänglichkeit spüren und wie wir noch nicht bereit sind, dann dürfen wir mit noch größerer Gewißheit uns daran erinnern, daß wir in der Taufe von Gott ganz und gar für die neue Zeit vorbereitet wurden.

So ist Advent eine Zeit der Vorbereitung und freudigen Erwartung auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

Die Taufe ist im Leben des Christen die Vorbereitung, die an uns vollzogen wird von dem Gott, den wir im Kind und im Knecht Jesus Christus als das Heil erkannt haben. Der Vater von Johannes dem Täufer, Zacharias singt unübertrefflich schön von diesem Heil: “Durch die herzliche Barmherzigkeit Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.”

Das ist aber noch nicht alles. Als Getaufte sind wir dafür vorbereitet worden, diese Geschichte vom aufgehenden Licht aus der Höhe, das unsere Finsternis und Schatten des Todes erhellt, weiterzuerzählen. Mit unserem Leben und mit unseren Taten. Den Getauften überreichen wir nach der Taufe eine Kerze mit den Worten, “Laß dein Licht leuchten vor den Leuten, daß sie deine guten Werke sehen und deinen Vater im Himmel preisen.” Und im Willkommensgruß spricht die Gemeinde die neuen Mitglieder am Leibe Christi als Mitarbeiter im Reich Gottes an.

Unsere Aufgabe ist es, die Sehnsucht nach der Ankunft Gottes und das Wissen darum wachzuhalten und nicht aufzugeben. Deshalb erinnern wir Christen uns an unsere Taufe, an einen Moment in unserem Leben, in dem wir ganz gewiß in Gottes Zeit eingetaucht waren. In der Erinnerung hier am Taufbecken, wenn wir das Zeichen des Kreuzes machen, halten wir uns offen für den erneuten Einzug von Gottes Zeit in unser Leben. Daß uns in unserem eigenen Lebensvollzug diese Gnade der Erfüllung immer wieder wegrutscht und wir sie nicht festhalten können, muß uns nicht entmutigen. Denn die Taufe ist eine Gewißheit, die bleibt.

Haben Sie schon einmal bemerkt, liebe Gemeinde, daß im Neuen Testament die Leute immer nach vorne schauen, niemals nach hinten? Wir sind viel eher geneigt, in die Vergangenheit zu schauen, manchmal andachtsvoll oder nostalgisch, manchmal aber auch verfolgt von dem, was war. Aus Furcht vor der Zukunft halten wir außerdem oft in einem Übermaß an der Gegenwart fest. Aber in der Bibel schauen die Leute fast immer nach vorn. Lots Frau, die sich umdrehte entgegen des Gebotes Gottes, erstarrte zur Salzsäule. Da blieb sie und da steht sie heute noch.

Advent ist die Zeit des Nach-vorne-Sehens, in der wir uns keine Sorgen machen müssen darüber, ob wir genug getan haben in der Vergangenheit und für das Heute angemessen vorbereitet sind. Advent ist die Zeit, in der wir als Getaufte mithelfen, die Zeit der Erfüllung vorzubereiten, die zum Greifen nahe ist. Denn alle Menschen sollen den Heiland Gottes sehen.

Amen.

Last updated: 2003-12-10 Copyright 2003, Karin I. Liebster