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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem
Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
“... und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.”
(Luke 3:6)
Das ist es, worauf wir zuleben, liebe Gemeinde, nicht nur
in dieser Adventszeit, in Erwartung des Weihnachtsfestes,
sondern unser ganzes Leben lang, daß “...alle
Menschen den Heiland Gottes sehen werden .”
Viele von uns sind dem Heil Gottes schon einmal begegnet
in ihrem Leben, in Momenten, wenn plötzlich in intensiver
und unfassbarer Weise die Zeit stehen bleibt, wenn Anfang
und Ende zusammenzuschmelzen scheinen und eins werden. Dies
kann in allen möglichen Lebenssituationen geschehen und
es ist jedesmal ein Zeichen der Erfüllung der Zeit, das
Ende der Zeit, die wir in Stunden und Minuten zählen
können. Wenn wir uns umhören, dann ist es vielen
schon so geschehen. Aber wir können die erfüllte
Zeit nicht festhalten. Sie rutscht immer wieder weg. Wenn
wir es aber schaffen, offen zu bleiben für Gottes Gegenwart
in unserem Leben und uns nicht zuwuchern lassen von all dem,
was täglich seine vorrangige Wichtigkeit beanspruchen
will, dann werden wir die Sehnsucht nach solchen erneuten
unfassbaren Momenten nicht verlieren, in denen wir das Heil
und den Heiland Gottes sehen.
Advent ist die Zeit der freudigen Erwartung, des Nach-vorne-Sehens,
der Vorbereitung auf das unergründliche Geheimnis Gottes,
der sich für uns ganz unverständlich dazu entschieden
hat, nicht einsam im Kosmos und in der Ewigkeit zu bleiben,
sondern sich uns Menschen zugewandt hat, “sich entäußert
und Knechtsgestalt angenommen hat” in einem Kind, wie
Paulus uns im Philipperbrief erklärt. (Phil 2: 6-7)
Unsere Vorbereitung auf einen solch gnädigen, menschenfreundlichen
Gott kann nie ganz vollständig sein, liebe Gemeinde,
nie gut genug, edel genug, ehrlich genug. Deshalb ist die
Adventszeit in der christlichen Tradition eine stille Zeit,
eine Zeit der Umkehr, der Einkehr, wenn auch in freudiger
Erwartung. Es kann nicht schaden, das Tempo einmal zu verlangsamen,
anzuhalten und das Gloriasingen für ein paar Wochen wegzulassen.
In unserem Haus wird im Augenblick diese Mischung aus grosser
Vorfreude und adventlichem Verhalten/ Langsamer-Gehen sehr
intensiv erlebt. Unsere Kinder wickeln alle möglichen
Schachteln und Dinge in Geschenkpapier ein, die meisten allerdings
leer, denn es gibt noch nichts einzupacken. Unser jüngster
Sohn, Augustin, sah diese Woche vom Auto aus einen sehr lebhaft
geschmückten Vorgarten und rief aus, “Die haben
schon alles für Weihnachten fertig!” Und dann zu
sich selbst, “Warum ist es denn noch nicht Heilig Abend?!”
Es scheint, viele Leute sind schon fertig für Weihnachten,
haben alles vorbereitet, nach all den prächtigen und
auch weniger prächtigen Dekorationen zu urteilen. Alles
dies ist wunderschön und erfreut das Auge, aber nur so
lange, wie die Menge der Gegenstände und der Wettstreit
um die schönsten Krippenszenen nicht unsere Sehnsucht
und unser Wissen um das zukleistern, wonach unsere Seele verlangt,
nämlich das Heil Gottes zu sehen.
Lukas erinnert uns heute daran, wie unsere Zeit und die Zeit
Gottes aufeinandertreffen und wir immer nur versuchen können,
diese beiden verschiedenen Zeiten miteinander zu vereinbaren.
Denn wir selber werden niemals Gottes Zeit und die Zeit dieser
Welt miteinander versöhnen können.
Alles, was Lukas zu Beginn seiner Einführung von Johannes
dem Täufer macht, ist, den Gegensatz der Zeit der Mächtigen
seiner Epoche und der Zeit Gottes aufzuzeigen. Niemand bereitet
den Weg und macht die Steige richtig für den Kaiser Tiberius
in Rom und den Statthalter Pontius Pilatus in Judäa und
den Landesfürsten Herodes in Galiläa oder seinen
Bruder Philipp in Ituräa und Trachonitis, oder Lysanias
in Abilene. Auch nicht für die Hohenpriester Hannas und
Kaiphas. Niemand macht ihren Weg bereit außer ihren
eigenen Armeen, die aber doch keinen göttlichen Frieden
herbeiführen können. Und das Wort Gottes kommt nicht
zu ihnen, sondern zu Johannes, dem Propheten.
Johannes verkündet den allmächtigen Gott, der auf
niedrig gemachten Bergen und Hügeln und gerade gemachten
Steigen als ein schutzloses Kind und als Knecht einzieht,
der weder eine Armee braucht noch nach einer fragt.
Wie können wir einen solchen Gott nicht nur erwarten,
sondern uns auf sein Kommen vorbereiten? Eine Art, ja, die
Art sich auf einen solchen ohnmächtig-allmächtigen
Herrn vorzubereiten, ist die Taufe. Genau das ist Johannes
Anliegen. Er bereitet die Ankunft Jesu vor mit der Taufe der
Umkehr zur Vergebung der Sünden.
Es ist ein schönes Zusammentreffen, daß wir heute
an diesem 2. Adventssonntag die kleine Susanna Marie taufen
können, so daß wir alle vor Augen geführt
bekommen, daß wir uns ja aus eigener Kraft gar nicht
auf die Ankunft Gottes vorbereiten können, sondern daß
Gott selbst uns in das Geschehen mit hineinnimmt, ohne unser
Zutun oder unsere eigene Leistung.
Ich denke, daß Sie, Johann und Maria, in den letzten
5 Jahren diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht haben: Bei
allen Vorbereitungen, die Sie getroffen haben für Ihre
Übersiedlung von Deutschland nach Houston, ist einem
doch das Gelingen letztlich aus der Hand genommen. Wir sind
nie so vorbereitet, daß wir uns selbst den Erfolg ganz
zuschreiben können. In der Erwartung und Geburt eines
Kindes wird es dann nocheinmal ganz deutlich: man kann viel
vorbereiten, aber für das Ereignis der Geburt und für
den Menschen, der dann das Licht der Welt erblickt, kann man
sich nicht vorbereiten, das können wir nur im Augenblick
selbst aus Gottes Hand empfangen.
Darum, wenn wir ein Kind zur Taufe bringen, dann sagen wir,
Gott, du bist es, der uns bereitet hat und auf dieses Leben
vorbereitet. Die Taufe ist ein so grosses Geschenk, weil Gott
hier handelt und, obwohl die Berge und Hügel noch hoch
sind und die Täler noch lange nicht eben sind, stellt
Gott uns schon in seine Zeit und sein Reich hinein. Und wenn
wir in z.B. den Neuanfängen unseres Lebens, in der Geburt
eines Kindes oder auch am Ende des Lebens die Gewißheit
unserer Unzulänglichkeit spüren und wie wir noch
nicht bereit sind, dann dürfen wir mit noch größerer
Gewißheit uns daran erinnern, daß wir in der Taufe
von Gott ganz und gar für die neue Zeit vorbereitet wurden.
So ist Advent eine Zeit der Vorbereitung und freudigen Erwartung
auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.
Die Taufe ist im Leben des Christen die Vorbereitung, die
an uns vollzogen wird von dem Gott, den wir im Kind und im
Knecht Jesus Christus als das Heil erkannt haben. Der Vater
von Johannes dem Täufer, Zacharias singt unübertrefflich
schön von diesem Heil: “Durch die herzliche Barmherzigkeit
Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe,
damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten
des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des
Friedens.”
Das ist aber noch nicht alles. Als Getaufte sind wir dafür
vorbereitet worden, diese Geschichte vom aufgehenden Licht
aus der Höhe, das unsere Finsternis und Schatten des
Todes erhellt, weiterzuerzählen. Mit unserem Leben und
mit unseren Taten. Den Getauften überreichen wir nach
der Taufe eine Kerze mit den Worten, “Laß dein
Licht leuchten vor den Leuten, daß sie deine guten Werke
sehen und deinen Vater im Himmel preisen.” Und im Willkommensgruß
spricht die Gemeinde die neuen Mitglieder am Leibe Christi
als Mitarbeiter im Reich Gottes an.
Unsere Aufgabe ist es, die Sehnsucht nach der Ankunft Gottes
und das Wissen darum wachzuhalten und nicht aufzugeben. Deshalb
erinnern wir Christen uns an unsere Taufe, an einen Moment
in unserem Leben, in dem wir ganz gewiß in Gottes Zeit
eingetaucht waren. In der Erinnerung hier am Taufbecken, wenn
wir das Zeichen des Kreuzes machen, halten wir uns offen für
den erneuten Einzug von Gottes Zeit in unser Leben. Daß
uns in unserem eigenen Lebensvollzug diese Gnade der Erfüllung
immer wieder wegrutscht und wir sie nicht festhalten können,
muß uns nicht entmutigen. Denn die Taufe ist eine Gewißheit,
die bleibt.
Haben Sie schon einmal bemerkt, liebe Gemeinde, daß
im Neuen Testament die Leute immer nach vorne schauen, niemals
nach hinten? Wir sind viel eher geneigt, in die Vergangenheit
zu schauen, manchmal andachtsvoll oder nostalgisch, manchmal
aber auch verfolgt von dem, was war. Aus Furcht vor der Zukunft
halten wir außerdem oft in einem Übermaß
an der Gegenwart fest. Aber in der Bibel schauen die Leute
fast immer nach vorn. Lots Frau, die sich umdrehte entgegen
des Gebotes Gottes, erstarrte zur Salzsäule. Da blieb
sie und da steht sie heute noch.
Advent ist die Zeit des Nach-vorne-Sehens, in der wir uns
keine Sorgen machen müssen darüber, ob wir genug
getan haben in der Vergangenheit und für das Heute angemessen
vorbereitet sind. Advent ist die Zeit, in der wir als Getaufte
mithelfen, die Zeit der Erfüllung vorzubereiten, die
zum Greifen nahe ist. Denn alle Menschen sollen den Heiland
Gottes sehen.
Amen.
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