Jeremia 31, 7-14 Predigt für 2. Sonntag nach Weihnachten
Meditation zum Singegottesdienst
5. Januar 2003

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Epheser 1, 3-10
Johannes 1, 1-18

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus!
Amen.

Es ist eine besondere Freude, dass wir uns heute hier in Christ the King zu diesem Singegottesdienst der Gemeinde für Deutschsprachige versammelt haben. Weihnachten gilt als das Fest der Lieder, und ich hoffe, Sie empfinden Freude beim Singen oder Zuhören alter und vielleicht auch unbekannter Lieder. Lassen Sie uns fröhlich in den Glauben einstimmen, der uns aus den Liedstrophen entgegenkommt - oft ist hier viel besser in Worte und Musik gefasst, was wir empfinden und so nicht sagen können.

Ich möchte heute unter uns einen besonderen Gast begrüßen, Peter Kopp, stellvertretender Direktor des Dresdner Kreuzchors und Begründer und Leiter des Körnerschen Singvereins. Die Kirchengemeinde Christ the King und die Bachgesellschaft haben ihn eingeladen, für 5 Monate bei uns zu sein und während dieser Zeit den Bachchor und den Kirchenchor zu leiten. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Zeit voller Musik, und wir freuen uns auch, bald seine Familie begrüßen zu können.

Gott kommt zu uns im Wort, liebe Gemeinde: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns...”, so formuliert der Evangelist Johannes im Prolog zu seinem Evangelium.

Christus ist das Wort, und in Worten kommt diese Botschaft zu uns, in Geschichten und Erzählungen von Eltern, Großeltern, Pfarrern, Kindergärtnerinnen und Kindergottes- diensthelfern und -helferinnen.

Das Wort blieb nicht Wort allein. Das Wort ward Fleisch. Leiblich, greifbar, angreifbar, schön und herrlich, niedrig und elendig.

Und weil das Wort nicht einsam geblieben ist, ungreifbar, aetherisch, sondern leiblich, fleischlich geworden ist, darum hat das Ereignis der Menschwerdung Gottes ein nicht enden wollendes Echo über Raum und Zeit gefunden - in Geschichten, die Menschen sich erzählen und einander darin begegnen, und in Liedern, in denen wir die Geschichte des Glaubens besingen und damit Gott loben und preisen. “Ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.” (Martin Luther)

Singen erfasst Leib und Seele. Hier werden Stimme und Wort eins. Im Singen und Sagen verbinden sich Kopf und Herz, Affekt, Gefühl und Intellekt.

Als Kind habe ich häufig Erwachsene beim Singen beobachtet. Als Pfarrerskind bei vielen langweiligen Ereignissen dabei, hatte ich dazu reichlich Gelegenheit. Beim Singen in der Kirche verändern sich die Gesichter von Menschen. Sie werden weicher, gelöster, sie scheinen mehr eins zu sein mit ihrem eigenen Inneren, Masken und Grimassen werden für kurze Zeit abgelegt. Augen zeigen Gefühle, an den Stimmen ist Stimmung abzulesen, Freude, Dankbarkeit, Traurigkeit.

Wir machen uns verletzlich beim Singen, weil wir dazu unsere Gesichtsmuskeln entspannen müssen, und uns dadurch öffnen - und jeder kann uns dabei sehen. Wir machen uns aber auch empfänglich, empfänglich für Gottes Wort, für Gottes Sohn, für Gott, der nicht fern bleibt, sondern im gesungenen Wort, in der gesungenen Erzählung in jede Faser unseres Seins vordringt, uns durchdringt und richtig in Besitz nimmt.

So wie unser Gottesglaube von uns im Singen Besitz nehmen kann, so ist für uns andersherum das Singen oft die einzig angemessene Art, unsere tiefsten Gefühle der Freude und Dankbarkeit, auch der Trauer, der Klage zum Ausdruck zu bringen. Beides, dankbare Freude wie auch tiefe Klage, wird ausgelöst von einem Ereignis oder einer Erkenntnis, die ausserhalb unserer selbst liegen und in uns tiefe Gefühle auslösen. Wir reagieren darauf mit dem Bedürfnis, über uns selbst hinauszugehen. Den beschränkten Rahmen unserer Geschaffenheit zu verlassen. Im Singen geschieht genau das. Singend, im Lob wie in der Klage, bricht sich der Mensch Bahn und durchbricht die eigene Welt, die meistens rein von Zweckmässigkeit und Geheimnislosigkeit gekennzeichnet ist. Singend beginnt der Mensch etwas zu ahnen von dem Geheimnis des Lebens, das uns zukommt und zuvorkommt, längst bevor wir selbst versuchen könnten, es zu kreieren oder leisten. “Im Anfang war das Wort, uns das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.”

Am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages haben mein Mann und ich über das Internet die Weihanchtsansprache von Bundespräsident Johannes Rau gehört. Sie war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Er hat sich nicht gescheut, die Weihnachtsbotschaft von der Nähe Gottes und die Verkündigung des Friedens weiterzugeben und darauf hinzuweisen, dass selbst das kleinste Licht stärker ist als alle Finsternis. Dabei hat er Nichtchristen eingeladen, sich von der frohen Zuversicht, die von der christlichen Botschaft ausgeht, anstecken zu lassen.

Dann hat er von der Bedeutung der Familie im Leben von Menschen gesprochen - wie für die große Mehrheit von Menschen ein gelingendes Familienleben nach wie vor eines der wichtigsten Dinge im Leben ist. “Geborgenheit, Respekt, Verlässlichkeit, Anstand, Rücksichtsnahme, Teilen - all das lernt man zuerst in der Familie.” Und zu den Dingen, die zum Gelingen von Leben in Familien beitragen, rechnet er auch das gemeinsame Spielen und Singen.

So lasst uns singen, Schwestern und Brüder, und uns nicht scheuen, uns vom Wort Gottes in jeder Faser ergreifen zu lassen. Das Wort blieb nicht einsam, es blieb nicht Wort allein. Es ward Fleisch und wohnte unter uns. Es bedient sich unseres Leibes, unserer Seele und unserer Stimme.
Amen.

Last updated: 2003-08-27 Copyright 2003, Karin I. Liebster