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Gnade sei mit euch und Friede von
Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus!
Amen.
Es ist eine besondere Freude, dass
wir uns heute hier in Christ the King zu diesem Singegottesdienst
der Gemeinde für Deutschsprachige versammelt haben. Weihnachten
gilt als das Fest der Lieder, und ich hoffe, Sie empfinden
Freude beim Singen oder Zuhören alter und vielleicht
auch unbekannter Lieder. Lassen Sie uns fröhlich in den
Glauben einstimmen, der uns aus den Liedstrophen entgegenkommt
- oft ist hier viel besser in Worte und Musik gefasst, was
wir empfinden und so nicht sagen können.
Ich möchte heute unter uns einen
besonderen Gast begrüßen, Peter Kopp, stellvertretender
Direktor des Dresdner Kreuzchors und Begründer und Leiter
des Körnerschen Singvereins. Die Kirchengemeinde Christ
the King und die Bachgesellschaft haben ihn eingeladen, für
5 Monate bei uns zu sein und während dieser Zeit den
Bachchor und den Kirchenchor zu leiten. Wir freuen uns auf
eine gemeinsame Zeit voller Musik, und wir freuen uns auch,
bald seine Familie begrüßen zu können.
Gott kommt zu uns im Wort, liebe Gemeinde:
“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort... Und das Wort ward Fleisch und wohnte
unter uns...”, so formuliert der Evangelist Johannes
im Prolog zu seinem Evangelium.
Christus ist das Wort, und in Worten
kommt diese Botschaft zu uns, in Geschichten und Erzählungen
von Eltern, Großeltern, Pfarrern, Kindergärtnerinnen
und Kindergottes- diensthelfern und -helferinnen.
Das Wort blieb nicht Wort allein.
Das Wort ward Fleisch. Leiblich, greifbar, angreifbar, schön
und herrlich, niedrig und elendig.
Und weil das Wort nicht einsam geblieben
ist, ungreifbar, aetherisch, sondern leiblich, fleischlich
geworden ist, darum hat das Ereignis der Menschwerdung Gottes
ein nicht enden wollendes Echo über Raum und Zeit gefunden
- in Geschichten, die Menschen sich erzählen und einander
darin begegnen, und in Liedern, in denen wir die Geschichte
des Glaubens besingen und damit Gott loben und preisen. “Ich
bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich
so viel, davon ich singen und sagen will.” (Martin Luther)
Singen erfasst Leib und Seele. Hier
werden Stimme und Wort eins. Im Singen und Sagen verbinden
sich Kopf und Herz, Affekt, Gefühl und Intellekt.
Als Kind habe ich häufig Erwachsene
beim Singen beobachtet. Als Pfarrerskind bei vielen langweiligen
Ereignissen dabei, hatte ich dazu reichlich Gelegenheit. Beim
Singen in der Kirche verändern sich die Gesichter von
Menschen. Sie werden weicher, gelöster, sie scheinen
mehr eins zu sein mit ihrem eigenen Inneren, Masken und Grimassen
werden für kurze Zeit abgelegt. Augen zeigen Gefühle,
an den Stimmen ist Stimmung abzulesen, Freude, Dankbarkeit,
Traurigkeit.
Wir machen uns verletzlich beim Singen,
weil wir dazu unsere Gesichtsmuskeln entspannen müssen,
und uns dadurch öffnen - und jeder kann uns dabei sehen.
Wir machen uns aber auch empfänglich, empfänglich
für Gottes Wort, für Gottes Sohn, für Gott,
der nicht fern bleibt, sondern im gesungenen Wort, in der
gesungenen Erzählung in jede Faser unseres Seins vordringt,
uns durchdringt und richtig in Besitz nimmt.
So wie unser Gottesglaube von uns
im Singen Besitz nehmen kann, so ist für uns andersherum
das Singen oft die einzig angemessene Art, unsere tiefsten
Gefühle der Freude und Dankbarkeit, auch der Trauer,
der Klage zum Ausdruck zu bringen. Beides, dankbare Freude
wie auch tiefe Klage, wird ausgelöst von einem Ereignis
oder einer Erkenntnis, die ausserhalb unserer selbst liegen
und in uns tiefe Gefühle auslösen. Wir reagieren
darauf mit dem Bedürfnis, über uns selbst hinauszugehen.
Den beschränkten Rahmen unserer Geschaffenheit zu verlassen.
Im Singen geschieht genau das. Singend, im Lob wie in der
Klage, bricht sich der Mensch Bahn und durchbricht die eigene
Welt, die meistens rein von Zweckmässigkeit und Geheimnislosigkeit
gekennzeichnet ist. Singend beginnt der Mensch etwas zu ahnen
von dem Geheimnis des Lebens, das uns zukommt und zuvorkommt,
längst bevor wir selbst versuchen könnten, es zu
kreieren oder leisten. “Im Anfang war das Wort, uns
das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... Alle Dinge
sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts
gemacht, was gemacht ist.”
Am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages
haben mein Mann und ich über das Internet die Weihanchtsansprache
von Bundespräsident Johannes Rau gehört. Sie war
in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
Er hat sich nicht gescheut, die Weihnachtsbotschaft
von der Nähe Gottes und die Verkündigung des Friedens
weiterzugeben und darauf hinzuweisen, dass selbst das kleinste
Licht stärker ist als alle Finsternis. Dabei hat er Nichtchristen
eingeladen, sich von der frohen Zuversicht, die von der christlichen
Botschaft ausgeht, anstecken zu lassen.
Dann hat er von der Bedeutung der
Familie im Leben von Menschen gesprochen - wie für die
große Mehrheit von Menschen ein gelingendes Familienleben
nach wie vor eines der wichtigsten Dinge im Leben ist. “Geborgenheit,
Respekt, Verlässlichkeit, Anstand, Rücksichtsnahme,
Teilen - all das lernt man zuerst in der Familie.” Und
zu den Dingen, die zum Gelingen von Leben in Familien beitragen,
rechnet er auch das gemeinsame Spielen und Singen.
So lasst uns singen, Schwestern und
Brüder, und uns nicht scheuen, uns vom Wort Gottes in
jeder Faser ergreifen zu lassen. Das Wort blieb nicht einsam,
es blieb nicht Wort allein. Es ward Fleisch und wohnte unter
uns. Es bedient sich unseres Leibes, unserer Seele und unserer
Stimme.
Amen.
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