Psalm 8, 3-6 (im Wechsel mit der Gemeinde) Predigt für Heiligabend
24. Dezember 2002

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
Micha 5, 1-4a; Jes 11, 1-2
Lukas 2, 1-20

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Jauchzet, frohlocket! Auf! Preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan,
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an:
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Laßt uns den Namen des Höchsten verehren.

So beginnt das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, liebe Gemeinde - "Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an." - "Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." (Lk 2, 12) Rettung ist da, lasset das Zagen, verbannet die Klage, und das Zeichen für uns ist ein Kind in einem Stall in Bethlehem, in Windeln gewickelt.

Eigentlich merkwürdig, das Kind, die Sache selbst ist das Zeichen. Aber so steht es da im Evangelium. Jesus ist geboren, Gott ist Mensch geworden in diesem Jesus von Nazareth. In der Geschichte Gottes mit den Menschen ist dies der Moment, auf den wir gewartet haben. Erlösung ist in unsere Welt, in unsere Geschichte eingetreten. Das Kind in Windeln ist das Zeichen.

Wie kann das sein? Wie kann die Sache selbst das Zeichen sein?

Hier beginnt das Geheimnis des Glaubens, liebe Gemeinde. Im Wunder und Geheimnis des menschgewordenen Wortes hat Gott uns die Augen geöffnet für seine neu aufstrahlende Herrlichkeit, damit, wenn wir Gott in der Krippe anschauen, den wir sehen können, wir auch den Gott lieben, den wir nicht sehen können.

Vielleicht sind wir deshalb heute abend hier: wir hoffen, in das Geheimnis des Glaubens hineingezogen zu werden und neu davon ergriffen zu werden.
Lasset das Zagen, verbannet die Klage.

Gott ist sichtbar im Kind, im Zeichen. Wir lieben Zeichen, wir haben unsere Weihnachtszimmer festlich damit geschmückt. Gott redet mit uns in Zeichen. Denn wir haben Schwierigkeiten mit den Worten, mit der Sprache. Unsere Welt ist voll von Sprache, von Worten, von Lüge, Nachrichten, true stories and wrong stories. Voll von Plänen, guten, aber noch viel mehr schlechten. Am meisten Angst machen uns im Augenblick wohl, was die Welt angeht, die Pläne für den bevorstehenden Krieg in Irak.

Wir Menschen sind so verwirrt, so abgelenkt, so abgekehrt von Liebe, wie sie sich in der schlichten Hinwendung zu einem neugeborenen Kind ausdrückt, dass wir Sinn und Ziel unseres Hierseins auf Gottes Erde aus dem Blick verloren zu haben scheinen. Dass die Welt von einer tiefen Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden erfüllt sein soll, wie die Prophetenlesung eingeleitet wurde, das ruft bei uns eher Zynismus als Zustimmung hervor.

Also doch eher verzagen und der Klage anhängen?

Aber da ist das Kind in Windeln gewickelt, Gottes Zeichen, daß Erlösung da ist. Die Zeit ist erfüllt, die Welt bleibt nicht so, wie sie ist.

In dem Stall neben dem Jesuskind sind noch andere Gestalten, auch sie Zeichen, Zeichen für uns: der Ochs und der Esel. In der christlichen Legendenbildung sind sie fester Bestandteil unserer Krippenbilder und Weihnachtsspiele geworden. Aus einer Halbzeile im ersten Kapitel des Jesajabuches zu uns gekommen, holen wir die beiden Stalltiere Jahr für Jahr wieder aus der Kiste und stellen sie in unseren Krippen gleich neben das Jesuskind. Sie haben ihre eigene Würde und Ehrenstellung bekommen, der Ochs und der Esel, auch wenn wir nicht so genau wissen, warum.

Heute abend, liebe Gemeinde, haben sie uns etwas zu sagen:

"Mich", sagt der Esel, "kennt Ihr von Palmsonntag, vielleicht auch vom ersten Advent, falls Ihr gerade in Deutschland wart und zur Kirche gegangen seid. Da bin ich Euch entgegengekommen beim Einzug nach Jerusalem, Jesus auf meinem Rücken. Die Leute begrüßen uns und winken mit Friedenspalmen. Dort wo ich langgehe, winken keine Schwerter. Denn der, den ich trage, ist ein Friedenskönig, kein Kaiser hoch zu Ross, der sich stolz reckt und niemals bückt. Der König auf meinem Rücken, der Friedenskönig, geht den richtigen Weg, und der führt untenher.

Gott hat das Schwache auserwählt, mich, den Esel, das unwürdige Abbild des Schlachtpferdes, und ein Kind, das sich für uns in einem unwürdigen Tod dahingibt.
Ich bin ja nur ein Esel, und was weiss ich schon von der Weltgeschichte, aber dies sage ich Euch: Auf mir ist der Friedenskönig eingeritten in das neue Jerusalem - und daran erinnere ich Euch jedes Jahr, wenn Ihr mich wieder in Eure Krippe stellt: Gelobet sei der da kommt im Namen des Herren."

Und der Ochse:

"Mich lacht Ihr aus, den Ochsen. Ich bin kein Stier, nicht stark und stolz, nein. Ich habe kein Ansehen, nie bin ich zu einem Symbol für irgendetwas geworden im Himmel der Menschen. Noch nicht einmal das goldene Kalb bin ich, um das ihr Menschen herumtanzt, wenn Ihr vor lauter Heimweh nach den Fleischtöpfen Ägyptens die Götter beschwört.

Aber, gebt acht. Ich bin Teil der Legende geworden, Teil Eurer Weihnachtsgeschichte. Ich stehe nun im Stall und bin bei der Menschwerdung Gottes dabei. Ich sehe, wie Ihr im Begriff seid, das Jesuskind aus der Krippe zu stehlen, es wegzutragen und aus dem Bund der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel und der Kirche herauszulösen. Seht Euch vor, laßt Euch nicht verführen von goldenen Kälbern und falschen Friedensboten, die Eure Unterwerfung verlangen. Denkt daran, das Kind in der Krippe kommt nicht, um zu herrschen, sondern zu dienen, auch Euch zu dienen."

So stehen oder liegen sie da, der Ochs und der Esel, in unseren Krippen. Und zwischen ihnen liegt das Kind, Jesus, unsere Hoffnung. Kommt, laßt uns leise mit dazustellen an die Krippe, liebe Gemeinde, laßt uns die Hoffnung ergreifen, Gott in unseren Herzen Raum machen, und unsere eigene Zeit und unsere Geschichte von ihm bestimmen lassen. Geben wir Gott Raum in unseren Herzen und in der Gemeinschaft, dann wissen wir wieder, daß auch unser tiefster Wunsch Frieden und Gerechtigkeit sind. Liebe und Mitmenschlichkeit.

"Jauchzet, frohlocket! Auf! Preiset die Tage!
Rühmet, was heute der Höchste getan,
Lasset das Zagen, verbannet die Klage!"

"Zwar ist unsre Herzensstube wohl kein schöner Fürstensaal, sondern eine finstre Grube. Doch sobald dein Gnadenstrahl in denselben nur wird blinken, wird es voller Sonnen dünken." (Weihnachtsoratorium, Teil V, letzter Choral)

Auf das Geheimnis unseres Glaubens fällt heute Nacht helles Licht. Gottes Gnadenstrahl macht es uns leicht herzuzutreten, und an der Krippe die Sonne der Gerechtigkeit anzubeten, vor der sich schließlich aller Knie beugen werden.

Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an:
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Laßt uns den Namen des Höchsten verehren.
Amen.

Last updated: 2003-08-27 Copyright 2003, Karin I. Liebster