Jesaja 65, 17 - 19. 23 - 25 Predigt zu Allerheiligen
Gedenken der Verstorben
3. November 2002

Pfr. Karin I. Liebster, Associate Pastor
2. Petrus 3, 8-13
Markus 13, 31-37

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Wenn ein Mensch stirbt, liebe Gemeinde, geht eine Welt zuende.
Wenn die Grundfesten unseres Lebens angetastet werden, gerät der ganze Kosmos ins Wanken.

Die Welt, in der wir leben, ist für uns immer die Welt, wie sie von unseren Lebensbeziehungen geprägt ist. Es gibt Welt, Schöpfung, “Himmel und Erde” nicht neutral oder objektiv. Welt ist für uns die Welt, wie sie uns vermittelt wird, durch unsere Eltern, unsere Geschichte, unsere Kultur. Und wenn ein Leben zuende geht, das Teil meines Lebens war, dann wird die ganze Welt erschüttert und Chaos droht hereinzubrechen - mit Orientierungslosigkeit und lähmender Trauer. Unsere persönliche Lebenswelt ist geknüpft als ein Netz von Beziehungen zu anderen Menschen und auch zu Tieren. Dass Himmel und Erde vergehen, ist in der Zeit der Trauer und umwälzender Verluste nicht übertriebene Rede, sondern erlebte Wirklichkeit.

Jesus und seine Zeit, auch die Generationen unmittelbar vor ihnen und nach ihnen, rechneten mit einer grossen Krise, einem gewaltsamen Untergang des gesamten Kosmos. Eine Fülle apokalyptischer Texte in der Bibel, von denen wir heute nur wenige Ausschnitte gehört haben, schildert das abrupte und schreckliche Ende von den Lebensbereichen und damit Lebensbeziehungen, die unser menschliches Leben ausmachen: Arbeit wir genannt, das Bestellen des Ackers, das Pflanzen von Weinbergen; Häuser bauen; mit Kindern und Alten ist der Bereich Familie angesprochen; schwangere und gebärende Frauen; Sonne, Mond und Sterne; das Land; mit Jerusalem ist das städtische, das kommunale Leben einbegriffen, auch die Gemeinde der Gläubigen. (Nehmen Sie Ihre Programme mit nach Hause, und lesen Sie einmal um die heutigen Schriftstellen herum.) Alles dies wird zuende gehen.

An die Stelle der alten Welt wird eine neue Welt treten, eine ganz neue Schöpfung. Das verheisst Jesaja. Das verheisst Petrus, das verheisst auch die Offenbarung des Johannes. “Ein neuer Himmel und eine neue Erde, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.” (Jes 65, 17) Alles Alte wird zu Ende sein, auch unsere Trauer, auch unsere Tränen. Petrus spricht von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnen wird. (2. Petr 3, 13)
Hier wird Hoffnung formuliert, die auch uns Sprache gibt. Hier ist Sprache, die sich uns auf die Lippen drängt, wenn Hoffnung wieder keimt.

Der Weltuntergang ist nicht so eingetreten, wie ihn sich Generationen gläubiger Juden und Christen vorgestellt haben. Petrus deutet ein neues Verständnis der Verzögerung des erwarteten Endes an.
Er sagt: “Der Herr verzögert nicht die Verheissung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht dass jemand verloren werde, sondern dass alle zur Buße finden.” (2. Petr 3, 9)

Der Herr hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde. Nicht eine einzige Seele soll verloren gehen; alle will der Herr, unser Gott, bei sich haben, wenn die Zeit für den neuen Himmel und die neue Erde kommt, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Gott hat Geduld mit allen, die zerschlagen und entmutigt sind. Gott hat Trost bereit für alle, die die Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde nicht aufgeben.
Die Verheissung der neuen Schöpfung ist noch lange nicht verstummt.
Als Beispiel dafür habe ich Ihnen hinten im Program ein Lied von Kurt Marti abgedruckt.

Wann die Verheissung eintrifft, wissen wir nicht.
Davon spricht die bekannte Erzählung Jesu von den bereiten und den schlafenden Brautjungfern. Im selben Tenor ist der kurze Abschnitt aus Markus 13 gehalten. “Von dem Tage aber und der Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.” (Mk 13, 32)

Darum der Aufruf zur Wachsamkeit. “Wacht nun, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt,...., damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. “ (Mk 13, 35 f.)

All dieses, liebe Gemeinde, könnten wir als leere Versprechungen abtun, wir könnten uns zynisch auf die Seite derer schlagen, die rufen: “Was ist mit der Verheissung, wo ist nun die neue Schöpfung”?, wenn nicht Jesus Christus das Grab und den Tod hinter sich gelassen hätte. Durch die geöffnete Tür seines Grabes hat unsere Todeswelt einen Riss bekommen, durch den Licht zu uns hereinfällt. Gott hat durch die Auferweckung Jesu eine unverlierbare Öffnung geschaffen hin zu der Lebenswelt, auf die wir als die neue Schöpfung hoffen, und in der Lebende und Tote miteinander verbunden sind und bleiben. Der getötete Jesus hat sich seinen Jüngern als Auferstandener aus dieser neuen Welt vernehmen lassen. Und er lässt sich noch vernehmen, in der Verkündigung seiner Worte und Taten, im Gebet, im Abendmahl, und in der Taufe.

Die merkwürdige Erklärung, dass wir in der Taufe in den Tod Jesu begraben werden, so dass wir in seiner Auferstehung das neue Leben haben, heisst nichts anderes als dass die alte Welt einen Riss bekommen hat, und das Licht eines neuen Himmels und einer neuen Erde schon auf uns strahlt. Und so wie wir in diese Welt hineingehen, getauft auf den Namen Jesu, so gehen wir auch aus ihr wieder heraus. Nicht schöner könnte dies ausgedrückt werden als in der katholischen Beerdigung, wenn der Sarg mit Taufwasser besprengt wird.

Unsere Wachsamkeit und Hoffnung drohen immer wieder zu ermüden, und unsere Trauer um Gestorbene und die eigene Sterblichkeit legt uns oft lahm. Christus hat uns ein Gebet gegeben, mit dem wir an Gott festhalten können angesichts des Todes, sein eigenes Gebet.

Als er in der letzten Nacht seines Lebens im Garten Gethsemane wacht und von dem sicheren Kommen seines eigenen Endes überwältigt wird, betet er: Abba, mein Vater. Jesus ist geschüttelt von Todesangst, er bittet seinen Vater darum, dass ihm der Tod erspart bleiben möge. Und doch stellt Jesus die Beziehung zu Gott über sein eigenes Leben, über die eigene Lebenswelt: “...doch nicht, was ich will, sondern was du willst!”

“Vater unser,..., dein Wille geschehe.” So beten auch wir. “Wie im Himmel, so auf Erden.” So halten auch wir fest an der Verheissung der neuen Schöpfung. Und wir behaupten damit , dass unsere Todeswelt schon durchlässig geworden ist für das Neue. Das Vaterunser bindet uns zusammen mit Jesus, dem Auferstandenen, und mit allen, die an den Rand des Lebens geraten sind, oder dieses Leben schon verlassen haben.

Im Vaterunser, dem Gebet des Herrn, halten wir an Gott fest und vertrauen wir uns wie Jesus mit unserer ganzen Endlichkeit und Gebrochenheit der Liebe Gottes an. Abba, lieber Vater, sagen auch wir.

Wann immer wir das Vaterunser beten, am Grab, im Gottesdienst, in der Stille, vertrauen wir der Liebe Gottes auch das an, was in unseren Lebensbeziehungen, in unserer Zeit ungelöst geblieben ist. Vergib uns unsere Schuld, vergib uns, was wir dem Verstorbenen, der Verstorbenen schuldig geblieben sind, was wir nicht mehr gut machen können, nachdem der Tod uns getrennt hat. Und wir bitten Gott auch um Vergebung für diejenigen, die an uns schuldig geworden sind, und nichts mehr gutmachen können.

Wenn wir sterben, geht eine Welt zuende.
Wir hoffen aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Wir bleiben wachsam, weil wir das Licht schon sehen, das mit Christus in der Welt ist und an den Rändern des Lebens scheint.
W ir beten mit Jesus, Abba, lieber Vater, erfahren seinen Trost und erzählen von Gottes Geduld, damit wir nicht verloren werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Last updated: 2003-08-27 Copyright 2003, Karin I. Liebster