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Gnade sei mit euch und Friede von
Gott, unserem Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.
Wenn ein Mensch stirbt, liebe Gemeinde,
geht eine Welt zuende.
Wenn die Grundfesten unseres Lebens angetastet werden, gerät
der ganze Kosmos ins Wanken.
Die Welt, in der wir leben, ist für
uns immer die Welt, wie sie von unseren Lebensbeziehungen
geprägt ist. Es gibt Welt, Schöpfung, “Himmel
und Erde” nicht neutral oder objektiv. Welt ist für
uns die Welt, wie sie uns vermittelt wird, durch unsere Eltern,
unsere Geschichte, unsere Kultur. Und wenn ein Leben zuende
geht, das Teil meines Lebens war, dann wird die ganze
Welt erschüttert und Chaos droht hereinzubrechen - mit
Orientierungslosigkeit und lähmender Trauer. Unsere persönliche
Lebenswelt ist geknüpft als ein Netz von Beziehungen
zu anderen Menschen und auch zu Tieren. Dass Himmel und Erde
vergehen, ist in der Zeit der Trauer und umwälzender
Verluste nicht übertriebene Rede, sondern erlebte Wirklichkeit.
Jesus und seine Zeit, auch die Generationen
unmittelbar vor ihnen und nach ihnen, rechneten mit einer
grossen Krise, einem gewaltsamen Untergang des gesamten Kosmos.
Eine Fülle apokalyptischer Texte in der Bibel, von denen
wir heute nur wenige Ausschnitte gehört haben, schildert
das abrupte und schreckliche Ende von den Lebensbereichen
und damit Lebensbeziehungen, die unser menschliches
Leben ausmachen: Arbeit wir genannt, das Bestellen des Ackers,
das Pflanzen von Weinbergen; Häuser bauen; mit Kindern
und Alten ist der Bereich Familie angesprochen; schwangere
und gebärende Frauen; Sonne, Mond und Sterne; das Land;
mit Jerusalem ist das städtische, das kommunale Leben
einbegriffen, auch die Gemeinde der Gläubigen. (Nehmen
Sie Ihre Programme mit nach Hause, und lesen Sie einmal um
die heutigen Schriftstellen herum.) Alles dies wird zuende
gehen.
An die Stelle der alten Welt wird
eine neue Welt treten, eine ganz neue Schöpfung.
Das verheisst Jesaja. Das verheisst Petrus, das verheisst
auch die Offenbarung des Johannes. “Ein neuer Himmel
und eine neue Erde, dass man der vorigen nicht mehr gedenken
und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.” (Jes 65,
17) Alles Alte wird zu Ende sein, auch unsere Trauer, auch
unsere Tränen. Petrus spricht von einem neuen Himmel
und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnen
wird. (2. Petr 3, 13)
Hier wird Hoffnung formuliert, die auch uns Sprache gibt.
Hier ist Sprache, die sich uns auf die Lippen drängt,
wenn Hoffnung wieder keimt.
Der Weltuntergang ist nicht so eingetreten,
wie ihn sich Generationen gläubiger Juden und Christen
vorgestellt haben. Petrus deutet ein neues Verständnis
der Verzögerung des erwarteten Endes an.
Er sagt: “Der Herr verzögert nicht die
Verheissung, wie es einige für eine Verzögerung
halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht dass
jemand verloren werde, sondern dass alle zur Buße finden.”
(2. Petr 3, 9)
Der Herr hat Geduld mit euch und will
nicht, dass jemand verloren werde. Nicht eine einzige Seele
soll verloren gehen; alle will der Herr, unser Gott, bei sich
haben, wenn die Zeit für den neuen Himmel und die neue
Erde kommt, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Gott hat Geduld mit allen, die zerschlagen
und entmutigt sind. Gott hat Trost bereit für alle, die
die Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde nicht
aufgeben.
Die Verheissung der neuen Schöpfung ist noch lange nicht
verstummt.
Als Beispiel dafür habe ich Ihnen hinten im Program ein
Lied von Kurt Marti abgedruckt.
Wann die Verheissung eintrifft, wissen
wir nicht.
Davon spricht die bekannte Erzählung Jesu von den bereiten
und den schlafenden Brautjungfern. Im selben Tenor ist der
kurze Abschnitt aus Markus 13 gehalten. “Von dem Tage
aber und der Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel
nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.”
(Mk 13, 32)
Darum der Aufruf zur Wachsamkeit.
“Wacht nun, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des
Hauses kommt,...., damit er euch nicht schlafend finde, wenn
er plötzlich kommt. “ (Mk 13, 35 f.)
All dieses, liebe Gemeinde, könnten
wir als leere Versprechungen abtun, wir könnten uns zynisch
auf die Seite derer schlagen, die rufen: “Was ist mit
der Verheissung, wo ist nun die neue Schöpfung”?,
wenn nicht Jesus Christus das Grab und den Tod hinter sich
gelassen hätte. Durch die geöffnete Tür seines
Grabes hat unsere Todeswelt einen Riss bekommen, durch den
Licht zu uns hereinfällt. Gott hat durch die Auferweckung
Jesu eine unverlierbare Öffnung geschaffen hin zu der
Lebenswelt, auf die wir als die neue Schöpfung hoffen,
und in der Lebende und Tote miteinander verbunden sind und
bleiben. Der getötete Jesus hat sich seinen Jüngern
als Auferstandener aus dieser neuen Welt vernehmen lassen.
Und er lässt sich noch vernehmen, in der Verkündigung
seiner Worte und Taten, im Gebet, im Abendmahl, und in der
Taufe.
Die merkwürdige Erklärung,
dass wir in der Taufe in den Tod Jesu begraben werden, so
dass wir in seiner Auferstehung das neue Leben haben, heisst
nichts anderes als dass die alte Welt einen Riss bekommen
hat, und das Licht eines neuen Himmels und einer neuen Erde
schon auf uns strahlt. Und so wie wir in diese Welt hineingehen,
getauft auf den Namen Jesu, so gehen wir auch aus ihr wieder
heraus. Nicht schöner könnte dies ausgedrückt
werden als in der katholischen Beerdigung, wenn der Sarg mit
Taufwasser besprengt wird.
Unsere Wachsamkeit und Hoffnung drohen
immer wieder zu ermüden, und unsere Trauer um Gestorbene
und die eigene Sterblichkeit legt uns oft lahm. Christus hat
uns ein Gebet gegeben, mit dem wir an Gott festhalten können
angesichts des Todes, sein eigenes Gebet.
Als er in der letzten Nacht seines
Lebens im Garten Gethsemane wacht und von dem sicheren Kommen
seines eigenen Endes überwältigt wird, betet er:
Abba, mein Vater. Jesus ist geschüttelt von Todesangst,
er bittet seinen Vater darum, dass ihm der Tod erspart bleiben
möge. Und doch stellt Jesus die Beziehung zu Gott über
sein eigenes Leben, über die eigene Lebenswelt: “...doch
nicht, was ich will, sondern was du willst!”
“Vater unser,..., dein Wille
geschehe.” So beten auch wir. “Wie im Himmel,
so auf Erden.” So halten auch wir fest an der Verheissung
der neuen Schöpfung. Und wir behaupten damit , dass unsere
Todeswelt schon durchlässig geworden ist für das
Neue. Das Vaterunser bindet uns zusammen mit Jesus, dem Auferstandenen,
und mit allen, die an den Rand des Lebens geraten sind, oder
dieses Leben schon verlassen haben.
Im Vaterunser, dem Gebet des Herrn,
halten wir an Gott fest und vertrauen wir uns wie Jesus mit
unserer ganzen Endlichkeit und Gebrochenheit der Liebe Gottes
an. Abba, lieber Vater, sagen auch wir.
Wann immer wir das Vaterunser beten,
am Grab, im Gottesdienst, in der Stille, vertrauen wir der
Liebe Gottes auch das an, was in unseren Lebensbeziehungen,
in unserer Zeit ungelöst geblieben ist. Vergib uns unsere
Schuld, vergib uns, was wir dem Verstorbenen, der Verstorbenen
schuldig geblieben sind, was wir nicht mehr gut machen können,
nachdem der Tod uns getrennt hat. Und wir bitten Gott auch
um Vergebung für diejenigen, die an uns schuldig geworden
sind, und nichts mehr gutmachen können.
Wenn wir sterben, geht eine Welt zuende.
Wir hoffen aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Wir bleiben wachsam, weil wir das Licht schon sehen, das mit
Christus in der Welt ist und an den Rändern des Lebens
scheint.
W ir beten mit Jesus, Abba, lieber Vater, erfahren seinen
Trost und erzählen von Gottes Geduld, damit wir nicht
verloren werden.
Und der Friede Gottes, der höher
ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus
Jesus. Amen.
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