16. Sonntag nach Pfingsten
4. September 2005

Pfrin. Karin I. Liebster, Associate Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Erste Lesung: Ezechiel 33, 7-11

7 Und nun, du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel. Wenn du etwas aus meinem Munde hörst, sollst du sie in meinem Namen warnen.
8 Wenn ich nun zu dem Gottlosen sage: Du Gottloser musst des Todes sterben!, und du sagst ihm das nicht, um den Gottlosen vor seinem Wege zu warnen, so wird er, der Gottlose, um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern.
9 Warnst du aber den Gottlosen vor seinem Wege, dass er von ihm umkehre, und er will von seinem Wege nicht umkehren, so wird er um seiner Sünde willen sterben, aber du hast dein Leben errettet.
Gott richtet jeden nach seinem Handeln
10 Und nun, du Menschenkind, sage dem Hause Israel: Ihr sprecht: Unsere Sünden und Missetaten liegen auf uns, dass wir darunter vergehen; wie können wir denn leben?
11 So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?



Epistellesung: Römer 13, 8-14

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn [a]wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht;
14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.



Evangelium: Matthäus 18, 15-20

15 Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.
16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.
17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.
18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.
19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.
20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.


Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,
Außergewöhnliche Umstände rufen nach außergewöhnlichem Handeln. Die Zerstörung, die Hurricane Katrina diese Woche an der Golfküste angerichtet hat, hat uns in eine Krise unvorstellbaren Ausmaßes geworfen, deren Ende wir noch nicht absehen können und die unser Vorstellungsvermögen zur Zeit immer noch übersteigt. Und dennoch, bevor wir in der Lage sind, einzuschätzen, wieviel Leben verloren ist, wievielen Menschen ihr Auskommen geraubt ist, wieviele Städte unbewohnbar bleiben, haben wir schon begonnen, die unmittelbare Not der Menschen zu lindern, die zu Tausenden hier zu uns nach Houston kommen. Ich möchte allen danken, die in dieser Woche in irgendeiner Weise geholfen haben:
mit Gebet, durch Spenden von Essen, Kleidung, Geld, Transport, das Öffnen des eigenen Hauses, medizinische Hilfe, Katastrophenhilfe - all dieses sind Wege, in denen wir Christus im anderen erkennen.

Alle sind wir betroffen von der Katastrophe und alle haben wir irgendwie darauf reagiert: mit Schock, mit Aktivität und spontanem Handeln, Einkaufen für die Evakuierten, Entwickeln von Strategien. Aber wir haben auch mit Angst reagiert, Depression, Kopfschmerzen, Verleugnung, und Unfähigkeit, die Massen an Bildern und Informationen, die auf uns einstürmen, zu verarbeiten.

Bei manchen von uns haben sich diese Woche in ihrem Leben andere Dinge ereignet, die jedes für sich schlimm genug waren und nun im Schatten des größeren Traumas des Hurricanes stehen: ein Elternteil ist gestorben, eine Operation ist anders ausgegangen als erwartet, jemand musste plötzlich in Krankenhaus, bei der Arbeit hat sich etwas geändert. Schon unter normalen Umständen große Störungen des Lebens.

Wozu wir in solchen Zeiten selten kommen oder uns nicht erlauben, sind Momente der Ruhe und Stille, in denen wir zur Besinnung kommen und uns daran erinnern, was/ wer eigentlich unser Fundament ist. Ich möchte Sie dazu einladen, etwas ungewöhnliches zu tun und zusammen mit mir eine Zeitlang still zu sein, einfach nur dasitzen und still sein, die Gedanken laufen lassen, weil Hoffnung besser aus der Stille heraus wächst als aus dem Chaos der Eindrücke, Bilder und Geräusche. (Die Kinder lade ich ein, auch still zu sein, und Gott darum zu bitten, in unsere Mitte zu kommen.)

(Stille. Silence.)

(Aus Psalm 46 (nicht in Reihenfolge):)
“Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Dennoch soll die Stadt Gottes froh sein mit ihren Brünnlein, da sie die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben. Gott hilft ihr früh am Morgen. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.”

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt auf der Welt Leiden, das nur Leiden ist, das Menschen kaputt macht und aus dem nichts anderes hervorwächst. Leiden, aus dem keine Hoffnung ersteht. Das dürfen wir nicht leugnen, auch wenn wir als Christen versuchen, im Glauben Hoffnung zu bewahren.

Es gibt aber auch Leiden, durch das wir selber schon gegangen sind und an dem wir gewachsen sind; Leid, das am Ende unsere Kraft zu hoffen stärker gemacht hat, das unsere Schwachheit in Stärke verwandelt hat. Einer der ersten Christen, der diese Erfahrung schriftlich festgehalten hat, ist Paulus. In einem Brief an die Gemeinde in Korinth zählt er eine lange Liste auf von Dingen, die ihm zugestoßen sind:
(2. Korinther 11, 24-28):
“Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; 28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden.”

Das alles ist Paulus zugestoßen in seiner Arbeit als Missionar. Und all dies hat ihn eine weitere Erfahrung machen lassen, die überraschenderweise viele von uns teilen:
Aber Gott hat mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum, (so Paulus weiter,) will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2. Korinther 12, 9 - 10)

Liebe Gemeinde, selbst, wenn es unserem Charakter nicht entsprechen sollte, sich unserer Schwachheit zu rühmen, dann ist uns aber doch diese Kraft Christi, die bei uns ist in der Schwachheit, nicht unbekannt. Wir haben diese Woche schon Hoffnung und Stärke unter uns gesehen, in dieser Stadt, an der Golfküste, in Mississippi und Alabama, sogar mitten in der größten Schwachheit, in Verzweiflung, in Ohnmacht. In dem Augenblick, in dem wir die Schwachheit und Ohnmacht der Evakuierten teilen, eines Familienmitgliedes, eines Freundes oder Freundin, in dem Augenblick wächst unter uns die Kraft Christi. Hoffnung beginnt zu keimen und wirft Licht weit in die Dunkelheit, wo kein Licht ist. So entwickeln wir langsam Stärke und Widerstandskraft, um den Aufgaben entgegenzusehen, die uns bevorstehen. Stärke, weil Gott verheissen hat, in der Schwachheit des Leibes Christi da zu sein. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.

Ich habe diese Woche im Radio etwas gehört, das ich ein Manifest der Hoffnung nennen möchte. Es kommt von Irvin Mayfield, Trompetenspieler aus New Orleans und der offizielle Kulturbotschafter der Stadt. In meiner Erinnerung geht es etwas so:

Ich bin Trompeter und werde Trompeter bleiben. Wir werden zurückkehren und aufbauen, was zerstört wurde. Die Städte und Gemeinden an der Golfküste müssen Widerstandskraft beweisen. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Deswegen muss ich wieder Trompete spielen, die Lehrer müssen zurückgehen und unterrichten, die Kinder müssen zurückkommen und ordentlich aufwachsen. Wir können es uns als Amerikaner nicht leisten, uns verlassen und verloren vorzukommen. Unsere Verfassung mag in Philadelphia geschrieben worden sein, aber was die Musik angeht, so wurde die Verfassung der Vereinigten Staaten in New Orleans geboren. Jazz ist die Verkörperung der Demokratie in Musik. Jeder trägt sein Teil bei. Jazz hat außerdem immer schon die Hoffnung verkörpert: Es mag uns jetzt schlecht gehen, aber es wird besser werden. In Krisen wie diesen werden Menschen gezwungen, sich selber zu definieren, festzulegen, wer sie sind und wohin sie gehen. Dazu sind jetzt alle herausgefordert, die von dem Hurricane betroffen sind. Und, der Jazz bringt uns noch etwas anderes bei: Wenn man dran ist mit seinem Part, muss man es mit Stil machen. (Aus Erinnerung, NPR, 2. September 2005, morning show.)

So lasst uns in die kommende Zeit gehen, liebe Gemeinde, und das tun, was uns aufgetragen ist. Kommt immer wieder zurück in Gottes Haus zur Stärkung durch Wort und Sakrament, zum Zuspruch der Verheissung Gottes, der im Leib Christi gegenwärtig ist. Und wenn wir unsere Arbeit tun und Hilfe leisten beim Wiederaufbau, beim Trösten, beim Essenausteilen, Unterrichten, Heilen und Organisieren, dann lasst uns an den Trompeter von New Orleans denken:
Wenn wir unseren Part tun, dann mit Stil.

Amen.

Copyright 2005, Karin I. Liebster


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Last updated: 2006-05-19