5. Sonntag der Fastenzeit
2. April 2006
Pfr. Peter Stockmann, Guest Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Alttestamentliche Lesung: Jeremia 31, 31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Epistellesung: Hebräer 5, 5-10

So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.« Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

Evangelium: Johannes 12, 20-33

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen. Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet. Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen. Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.


Predigt:

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

bald ist es soweit. Es dauert nicht mehr lang, und dann ist Ostern. Wir müssen nicht mehr lang warten. Die Passionszeit ist weit fortgeschritten, wir sind schon am fünften von sechs Sonntagen in der Passionszeit. Sind Ihnen diese Begriffe alle noch vertraut? Aschermittwoch, Passionszeit, Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag?

Das alles ist alt. Sehr alt. Unsere Vorfahren haben stärker als die meisten von uns im Kirchenjahr gelebt. Für sie war vieles klar: dass das Leben einen Zyklus hat, den alle mehr oder weniger gemeinsam durchleben. Einen Zyklus, der in Form des Kirchenjahres Gestalt gewonnen hat. Ein Teil dieses Kirchenjahres ist die Passionszeit, in der wir uns im Moment befinden.

Lassen Sie mich zusammenfassen:
• Aschermittwoch ist der Tag, an dem die Passionszeit beginnt. In Deutschland und anderswo findet davor die Fastnacht statt. Dem Namen nach die Nacht, bevor das Fasten beginnt. Fast-Nacht. Am Aschermittwoch bekommen viele Christinnen und Christen ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Auch hier in der Gemeinde hat das stattgefunden. Zur Erinnerung an die Passionszeit.
• Die Passionszeit ist die Zeit, die dem Leiden Christi gewidmet ist. Im Laufe der Jahrhunderte nach seinem Tod und seiner Auferstehung ist sie 40 Tage lang geworden. Weil Jesus laut Bibel 40 Tage in der Wüste war und weil Mose 40 Jahre mit dem Volk Israel durch die Wüste gezogen ist. Das Leiden Christi, durch das er am Kreuz hindurchmusste, bevor er starb. Viele Menschen fasten in dieser Zeit. Früher wurde währendessen kein Fleisch gegessen und kein Alkohol getrunken. Ich kenne einige, die anderes weglassen: Sie verzichten auf Süßigkeiten oder Fernsehen.
• Der Palmsonntag ist der letzte Sonntag der Passionszeit vor Ostern. Er dient dem Gedenken daran, wie Jesus nach Jerusalem eingezogen ist. Jesus auf dem Eselsrücken, dem die Menge am Straßenrand Palmzweige unter die Hufe gelegt hat. Auch hier in der Gemeinde wird dieser Tag mit Palmzweigen begangen.
• Der Gründonnerstag, auf Englisch Maundy Thursday, hat mit der Farbe grün nichts zu tun. Grün kommt von greinen, also sozusagen laut klagen. Maundy drückt das klarer aus. Weil es an diesem Tag bald soweit ist, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wird.
• Karfreitag ist der Tag, an dem der Kreuzigung und des Todes Jesu gedacht wird. Die Silbe ‘Kar’ kommt vom Althochdeutschen ‘Chara’, das steht für Trauern. Es ist der Trauer-Freitag.
• Ostersonntag, damit komme ich zum Ende dieser Aufzählung, ist der Tag der Auferstehung des Herrn. An dem die Kirchen an das leere Grab denken, dass die Jüngerinnen und Jünger am Morgen fanden. Der Stein war weggerollt, das Grab leer. Drin nur ein paar Leichentücher.

Jetzt ist Passionszeit. Das ist auch eine Zeit des Wartens. Für die, die fasten, darauf, endlich wieder das zu tun, worauf sie verzichten. Für alle, die sich dessen bewusst sind, darauf, dass endlich Ostern wird. Das Warten. Wozu ist das gut?

Ich glaube, es hilft. Sich zu vergewissern. Auf dem Weg auf dem ich bin. Aus meiner Kindheit kenne ich Warten als etwas Unerträgliches. Wann ist endlich Weihnachten? Ich weiß noch, wie ich schon ab Sommer kaum darauf warten konnte, dass endlich Weihnachten wird. Oder ich endlich wieder Geburtstag habe.
Heute ist Warten anders. Manchmal immer noch schwer. Ungeduldig werde ich im Wartezimmer, im Stau oder bei Behörden für Führerschein oder die Sozialversicherungsnummer. Da ist Warten schrecklich.

Warten ist aber nicht mehr schwer, wenn es ums Wenn es um etwas geht wie Weihnachten, Geburtstag oder Ostern. Da ist die Fastenzeit, in der etwas geht, was sonst nicht so leicht ist. Ich lebe etwas bewusster. Mir fällt ein, dass diese sieben Wochen etwas anders sind als die anderen Wochen im Jahr. Denn ich weiß, dass Ostern kommt. Ostern hat eine andere Kategorie bekommen. Ich sehe mich im Zusammenhang mit einem Geschehen, dass schon so lange her ist. 2000 Jahre. Durch diesen Abschnitt des Kirchenjahres fühle ich, dass das mit mir zu tun hat.
Der heutige Predigttext spricht genau davon. Von der letzten öffentlichen Rede Jesu auf seinem Weg in Jerusalem. Die letzte öffentliche Rede vor dem letzten Abendmahl, bei dem also mehr Leute als nur seine engsten Vertrauten dabei sind. Wir haben es gehört: Einige Griechen wollten Jesus sehen. Sie hatten vielleicht von ihm gehört. Das Wort wird weiter gegeben bis zu Jesus selbst.

Die Rede, zu der Jesus anhebt, kommt etwas seltsam daher. Das liegt daran, dass dieser Abschnitt des Johannesevangeliums sehr stark komponiert worden ist. Die Autoren haben Sätze gehabt, die Jesus zugeschrieben werden - und wollten sie in eine Rede Jesu packen. So spricht Jesus von Weizenkorn, das in die Erde fällt und sterben muss, damit es viel Frucht bringen kann.

Jesus sagt an, was bevorsteht. Er erklärt, dass er sterben wird - aber dass das nicht folgenlos bleiben wird. Er ist wie das Weizenkorn, das Frucht bringt, nachdem es in die Erde gefallen ist. Auf dem Halm steht später die Ähre, in der viele neue Körner gewachsen sind. Neue Körner, die ihrerseits neue Frucht hervorbringen können.

Wir hier sind Frucht dieses einen Korns. Wir alle sind aus dem einen Korn hervorgegangen, weil wir heute hier Kirche sind. Die Griechen, die Jesus sehen wollten, sind dort erwähnt, um das klarzumachen. Kurz nach Jesu Tod und Auferstehung stritten sich die frühen Christinnen und Christen. Die einen waren vorher Juden gewesen und glaubten, dass jeder Jude gewesen sein muss, um Christ werden zu können. Die anderen waren vorher aber anderen Glaubens gewesen, zum Beispiel Griechen. Sie meinten, dass sich jeder zum Christ oder zur Christin taufen lassen kann.

Die Autoren des Johannesevangeliums wollten uns zeigen, dass alle Christen sein können. Sie widmeten sich der Seite der Griechen. Das war ein entscheidender Schritt der ersten Christen: Dass am Ende alle Christen und Christinnen werden konnten. Und daraus wuchs die Kirche. Nur deshalb konnte sie um die ganze Welt wachsen. Und deshalb sind auch wir mit diesem Text gemeint.

Das ist es, was mir bewusst wird. Wir stehen in diesem großen Zusammenhang, der auf das Weizenkorn Jesus selbst zurückgeht. So wird das Warten nicht zu etwas Anstrengendem, sondern zu etwas Heilsamem. Ich glaube, wir müssen dazu nicht auf bestimmte Lebensmittel oder auf Gewohnheiten verzichten. Paulus sagt einmal: ‘Alles ist mir erlaubt.’ Klar. Ich habe auch noch nie gefastet. Aber vielleicht tue ich es irgendwann mal. Damit es noch bewusster wird, das Warten.

Bewusster, dass wir nicht für uns allein in dieser Welt leben. Die Suche nach Erfolg oder nach Wohlstand brauchen nicht im Mittelpunkt unseres Interesses zu stehen. Weil es Wichtigeres gibt im Leben.

Vielleicht ist das eine Aufgabe für die verbleibende Passionszeit? Mal überlegen, was denn eigentlich wichtig ist.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Copyright 2006, Peter Stockmann


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Last updated: 2006-05-19