1. Sonntag der Fastenzeit
5. März 2006
Pfrin. Karin Liebster, Associate Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Alttestamentliche Lesung: Genesis 9, 8-17

Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.


Epistellesung: 1. Petrus 3, 18-22

Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch. Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr wird nicht der Schmutz vom Leib abgewaschen, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi, welcher ist zur Rechten Gottes, aufgefahren gen Himmel, und es sind ihm untertan die Engel und die Gewaltigen und die Mächte.


Evangelium: Markus 1, 9-15

Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. 12 Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!


Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist gut, Sünden zu bekennen. Es ist gut, dass die Passionszeit angefangen hat, liebe Gemeinde.
Sünden bekennen. Was für eine Erleichterung.
Sagen können, was schlecht ist. Bekennen, was nicht gut läuft. Eingestehen, was unterlassen wurde. Zugeben, was immer noch einem nagt auch nach so vielen Jahren. Merken, was für ein Gewicht auf den Schultern drückt, welcher Stein auf dem Herzen liegt. Und all das nicht alleine im stillen Kämmerlein oder in der psychotherapeutischen Praxis, sondern hier, zusammen mit allen anderen. Ohne Scham, ohne Angst, im Vertrauen, dass diese Gemeinschaft stark genug ist, die Last unserer Bekenntnisse auszuhalten, nicht unter ihr zu zerbrechen. Denn diese Gemeinde ist der Leib Christi, der lebendige Leib Christi, der gekreuzigt wurde und auferstand, der aus dem Wasser der Taufe geboren wurde und die Verheißung des neuen Lebens verkörpert.

Leicht kann es so aussehen, als ob die Passionszeit eine Zeit ist, in der die Kirche ihren Gläubigen Schuldbewusstsein und Selbstanklage eintrichtert, weil wir mit unseren Sünden den Tod Jesu verschuldet haben. Dann ist der Karfreitag das dunkle Ziel eines langen Weges, der bergab geht, begleitet von dem immer lauter werdenden Donnergrollen eines wütenden Gottes, der schließlich zwar seinen eigenen Sohn opfert, um unsere Schuld zu sühnen, aber uns unsere Schuld noch immer an passender Stelle auftischen kann und es auch tun wird, so jedenfalls ist unsere Angst und Phantasie.

Die Kirche hat dieses Verständnis der Passionszeit, dieses Verständnis vom Zusammenhang von Jesu Leiden und unseren Sünden, unterstützt, es selbst gelehrt und ausgenutzt. Dann aber ist es nicht gut, wenn die Passionszeit beginnt, dann ist es keine Erleichterung, Sünden zu bekennen, all das, was nicht gut ist und schief läuft.

Viele Menschen haben sich dem unrechten Zugriff der Kirche auf ihre Seelen und dem Machtspiel der kirchlichen Autorität entzogen und sind weggegangen. Weggegangen und dann alleingelassen mit ihren Fragen, mit Schuld, mit den Verwerfungen des Lebens, die einen umtreiben und fertigmachen.

Wer klug ist, kann diese Dinge alle selber feststellen, die eigene Situation formulieren, analysieren. Kann sich selber Krisenmanagement beibringen, sich im Gespräch mit anderen oder in der Therapie Verstehen und Deutung erarbeiten, von der Weltliteratur lernen, in der Musik Trost finden, aber eines fehlt: die Vergebung, die Loslösung, und ein Gegenüber, das die Vergebung zuspricht und uns wieder neu in den Dienst des Lebens hineinstellt. Zuspruch, der Akt des Sprechens des erlösenden Wortes der Vergebung - darum geht es in der christlichen Kirche beim Sündenbekennen.

Wenn wir der Stimme der heiligen Schrift vertrauen, die wir heute an diesem ersten Sonntag in der Passionszeit gehört haben, dann stellt sich der Sinn dieser 40 Tage bis Ostern nicht dar als erbarmungsloses Einhämmern von Schuld und Anklage. Vielmehr zeigt uns die Schrift, dass die brutale Wahrheit unserer eigenen Existenz und der Welt in dieser Zeit unter dem besonders intensiven Zuspruch des Evangeliums steht.

40 Tage ist Jesus in der Wüste der Prüfung von Satan und den wilden Tieren ausgesetzt. Und gleich danach verkündigt Jesus die frohe Botschaft des Evangeliums und nichts als das. Nach den 40 Tagen ist sein erstes Wort: “Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um, vertraut der guten Botschaft.” – Wenn man umkehrt auf dem Weg, sich umdreht, die Richtung ändert, könnte es sein, dass man dem Zuspruch direkt in die Arme läuft - so wie in der Deutschen Messe gesungen: Mit kindlichem Vertrauen eil’ ich in Vaters Arme. Dem Zuspruch und der Vergebung in die Arme gelaufen, so wie erzählt in den Geschichten vom Reich Gottes, wie erfahrbar in Abendmahl, in Taufe, Tauferinnerung und Beichte, – darum geht es in dieser Zeit.

Dann ist es doch gut, Sünden zu bekennen. Dann ist es eine spürbare Erleichterung und Befreiung.
Dann können wir auch dem Chaos der Fluten in der Sintflutgeschichte ins Auge sehen. Das Chaos des Regens ist ja unser eigenes und das der Welt, aber wir sehen jetzt, dass wir diesem Gott, der unser Gott ist, vertrauen können, weil er sogar in seinem Zorn ein Zeichen der Hoffnung bewahrt und es obenauf auf den Fluten als die Arche Noah tanzen lässt. Und schließlich ergreift er die heilsame Initiative der Rettung, beendet den Regen und macht einen neuen Bund mit der Menschheit, der verheißt, dass es solche flächendeckende Vernichtung nicht mehr geben soll.
Am Tag als der Wirbelsturm Rita sich über Houston entladen sollte, bevor es richtig losging, da war hier auf dem Rice Boulevard ein prächtiger Regenbogen zu sehen am gelbschwarzen Himmel über dem Medical Center.

Die Verheißung des neuen Bundes, der Zuspruch der Vergebung macht Mut zum Leben, Mut zum Bekennen. Das geschieht in der Passionszeit. Wir sind in das Wasser der Taufe untergetaucht, aber wir sind auch aus dem Wasser der Taufe herausgehoben. Wir sind in den Dienst des Lebens hineingestellt, und im Warten auf Karfreitag und Ostern nähern wir uns Tag für Tag dem Geheimnis des Glaubens und dem Geheimnis des Lebens.

Amen.

Copyright 2006, Karin Liebster


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Last updated: 2006-05-19