3. Sonntag nach Epiphanias
22. Januar 2006
Pfrin. Karin Liebster, Associate Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Alttestamentliche Lesung: Jonah 3, 1-5.10

Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.
Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.


Epistellesung: 1. Korinther 7, 29-31

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.


Evangelium: Markus 1, 14-20

Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.


Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Mit unserem heutigen Gottesdienst, liebe Gemeinde, beginnen wir das fünfte Jahr unserer deutschsprachigen kirchlichen Arbeit hier in der Gemeinde Christ the King Lutheran Church. Im Januar 2002, nach den Terroranschlägen in New York, in dem Vakuum, in dem wir nach Deutung und Erklärung des Geschehenen suchten, begannen wir regelmäßige Gottesdienste in deutscher Sprache, die nun ungefähr zehnmal im Jahr hier stattfinden. Dass ein solches Angebot von der deutschsprachigen Kultur in und um Houston angenommen würde, dessen waren Pfarrer Moore und ich uns sicher nach all den Jahren, in denen die Weihnachts- und Ostergottesdienste in deutscher Sprache sich allgemeiner Beliebtheit erfreuten.

Im fünften Jahr also (bzw. wenn wir die Anfänge mitzählen, im 13. Jahr) wird hier durch die Christ the King Gemeinde Kirche auf Deutsch möglich gemacht und bezahlt. Eine amerikanische Kirchengemeinde bietet Kirche auf Deutsch an für Deutsche, für Expats, Gäste, die hereingeschneit kommen, Menschen, die für ein paar Monate hier sind oder für zwei, drei Jahre, für die, die seid 30 Jahren hier leben, für die, die ein Kind taufen lassen möchten, die, die einen lieben Menschen zu beerdigen haben, für welche, die heiraten wollen, für die, die ab und zu ein bißchen Heimat brauchen, eine Insel inmitten der Herausforderungen, vor die einen das Leben in einer fremden Kultur stellt.

Was bedeutet all dies? Im großen und ganzen der Kirche, im großen und ganzen des Netzes, welches das Evangelium auswirft, wer sind wir? Was ist unser Beitrag? Was bedeuten unsere Gottesdienste, Empfänge, der Konfirmandenunterricht?

Im Vergleich zu Simon und Andreas, Jakobus und Zebedäus fühlen wir uns eher klein und nicht sehr bedeutend. Als Gemeinde und als Individuen. Sie, die Jünger, sind die Auserwählten, die Ersten, die Jesus beruft, um das Evangelium auszurufen, Freude zu verbreiten, die gute Nachricht, dass die Zeiten jetzt anders sind und es endlich Sinn macht, umzukehren, sich neu auf Hoffnung zu orientieren.

Jedenfalls sind wir nicht die Ersten. Und so richtig plötzlich sind wir dem Ruf Jesu auch nicht gefolgt. Unsere Lebensgeschichten sind viel zu verwickelt, verzweigt. Den Weg des Glaubens haben wir in unserem Leben wohl manchmal beschritten, aber dann auch wieder verlassen, mal leuchtete uns der Weg des Glaubens ein, mal wurde er uns verdunkelt, häufig durch die Kirche oder ihre Vertreter selbst. Und dieses Hin und Her hält für die meisten von uns noch immer an. Auch wie wir schließlich hierher nach Amerika gekommen sind, ist oft eine lange und komplizierte Geschichte. –

Also ob wir Menschenfischer sind, auf und davon, im Bruchteil eines Augenblicks, wie Simon und Andreas, Jakobus und Zebedäus? Wohl kaum! – Hier in dieser Kirche empfinden wir uns eher als Gefischte, Aufgefangene, Aufgenommene von einer Gemeinschaft, die Willkommen ausstrahlt, Wärme; in der Vertrautes begegnet; die zur Ruhe einlädt und gleichzeitig Anregung und Austausch anbietet.

Markus erzählt uns gar nichts davon, was eigentlich in diesen vier galiläischen Fischermännern vor sich gegangen ist, als sie Jesu Ruf gehört haben. Mein Verdacht ist, liebe Gemeinde, dass sie selbst allerdings zuerst auch nur Gefischte waren, Aufgefangene, die kurz zuvor noch fast verloren waren. Als Jesu Ruf erklang, konnten sie aber auf einmal hören. Irgendetwas stimmte plötzlich: “Die Zeit ist erfüllt. Die Zeit - ist erfüllt. Jetzt ist es soweit.” Irgendetwas hat geklickt in den Köpfen und Herzen dieser einfachen Männer da in Galiläa und sie haben sich fischen lassen. “Die neue Zeit hat angefangen, das Reich Gottes ist herbeigekommen.” Solche Worte und Rufe hatten sie vielleicht schon manches Mal gehört, aber dieses Mal stimmten sie mit der Präsenz dessen überein, der sie rief: Jesus, der von Johannes angekündigt worden war, der getauft war und als lieber Sohn bezeichnet, der in der Wüste versucht worden war und dem schließlich die Engel dienten. Vielleicht wussten sie von dem allen gar nicht, da oben im galiläischen Land, aber die Präsenz Jesu stimmte mit seinen Worten überein - und mehr brauchten sie nicht, um auf und davon, ihm zu folgen, und so sind die Gefischten, fast Verlorenen, und dann Aufgefangenen und Aufgenommenen doch zu Menschenfischern geworden.

Liebe Gemeinde, ich glaube, dass es auch unter uns “geklickt” hat. Ich weiß, dass auch unter uns hier Menschen sind, in deren Leben es plötzlich klar wurde: Die Zeit ist erfüllt, es geht gar nicht immer so weiter im ewig gleichen Trott oder immer weiter bergab. Die neue Zeit der Hoffnung hat begonnen, jetzt gelten die Regeln des Reiches Gottes, denn es ist herbeigekommen. Ich kenne Menschen hier unter uns, die umgekehrt sind von ihren Wegen, befreit, vergeben, Scham und Schuld hinter sich gelassen, und dem Evangelium vertraut haben. Im Bild unserer Geschichte sind sie erst einmal Gefischte, Aufgefangene , Gerettete eigentlich, ganz egal ob der Weg, der Lebensweg dahin lang und voller Umwege war. Gerettet ist gerettet, gefischt ist gefischt.

Es scheint zur Natur des Reiches Gottes zu gehören, dass die, die aufgefangen sind, aufgenommen und gerettet, dann selber zu Fischern, Menschenfischern werden, weil in ihrer Präsenz das Evangelium der Hoffnung und Befreiung durch Jesus plötzlich Sinn macht, und weil in ihrer Gemeinschaft Jesus selbst präsent ist, die erfüllte Zeit erfahrbar ist.

Eine Bestätigung dessen habe ich kürzlich vom Bischof des kirchlichen Außenamtes der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, bekommen. Und damit kehren wir zur Ausgangsfrage zurück, was bedeutet eigentlich unsere kirchliche Arbeit hier vor Ort? Was bedeutet es, Christ the King Church uns diese Gemeinde für Deutschsprachige öffnet und Sie hierher kommen für ein paar Wochen, ein paar Mal, ein paar Jahre oder auch immer/ so oft es geht?

Auslandsbischof Rolf Koppe schreibt in seinem Jahresbrief von dem großen Potential, das er in den Menschen in den zahlreichen deutschen Auslandsgemeinden und Gemeindegruppen wie der unseren sieht. Auf seinen Reisen erlebt er, dass Menschen, die in Deutschland von der Kirche vielleicht enttäuscht und gelangweilt sind, im Ausland die Hemmschwelle zur Kirche leichter überwinden und sich von dem oft bunteren und interessanten Gemeindeleben angezogen fühlen. Weil Menschen im Ausland ihr eigenes Leben in neuem Licht sehen, ihre eigene Zeit und Lebenszeit neu beleuchten, wird auch die alte Botschaft von der Zeit, die erfüllt ist, vom Reich Gottes, das schon begonnen hat, wieder ganz neu gehört. Auf diese Menschen hofft die Kirche, in Deutschland und überall, auf Menschen, die wiederkommen und mit neuen Ohren hören, mit neuen Augen sehen, die sich als Aufgefangene, Gefischte, Gerettete und Willkommen Geheißene erfahren haben. Auf Menschen, deren Hoffnung und Erfahrung mit dem Evangelium von Jesus Christus ansteckend wirkt und selbst zu Menschenfischern werden.

Im großen und ganzen der Kirche, in dem großen Netz, das das Evangelium auswirft, spielen wir alle hier in unserer kleinen Gemeinde für Deutschsprachige also tatsächlich eine große Rolle in der Verbreitung der guten Nachricht, des Rufes Jesu, dass die Zeit erfüllt und Gottes Reich herbeigekommen ist, ob es uns bewusst ist oder nicht. Wir helfen das Netz weiter auszuwerfen, indem wir die Arbeit dieser Kirchengemeinde unterstützen, ehrenamtlich und finanziell, als Gottesdiensthelfer, Teilnehmer, Mitglieder der Gemeinde und Besucher.
Wir, fast Verlorene, Aufgefangene, Gefischte, werden hier zu Menschenfischern, die selber das Evangelium ausbreiten. Möge Gott unsere gemeinsame Arbeit segnen, und uns froh machen im Auswerfen des Netzes. Amen.

Copyright 2006, Karin Liebster


 

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Last updated: 2006-05-19