Heiligabend
24. Dezember 2005
Pfr. Peter Stockmann, Guest Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Alttestamentliche Lesung: Jesaja 11, 1-9

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.


Epistellesung: Titus 2, 11-14

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.


Evangelium: Lukas 2, 1-14+15-20

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.


Predigt:

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. (Amen)

Liebe Gemeinde, - es sieht ganz schön anders aus, was? Das Bild auf dem Umschlag des Gottesdienstprogramms, das Sie in der Hand haben. Ich möchte in dieser Predigt dieses Bild betrachten. Nehmen Sie doch Ihr Heft, damit Sie es sich gut anschauen können. Und tun Sie das doch erst Mal. Nehmen wir uns einen kleinen Augenblick Zeit, das Bild anzusehen.

--- externer Link zum Bild ---

Ich möchte Sie durch das Bild führen. - Wir werden nicht alles anschauen können. Ich werde mich auf die Personen konzentrieren.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Was sehen Sie zuerst? - Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, ist mir zuerst die Frau ins Auge gefallen. Lange Arme, die sich nach vorn und oben ausstrecken – und ein kleines violettes Menschlein hoch halten. Lange, schlanke Arme. Dann kann sich mein Blick nicht entscheiden. Erst das Baby oder erst weiter die Frau? Bleiben wir zunächst bei der Frau. Ein Kopf mit langem, schwarzem Haar, das ihr in den Rücken fällt. Grobe Strähnen. Ein großes Auge, eine kräftige Augenbraue, eine üppige Nase und ein lächelnder Mund mit sehr roten Lippen. Sie sieht auf das Kind in ihren Händen, ganz konzentriert. Und sie lächelt. Ihr ganzer Blick, alles an ihr ist auf das Kind ausgerichtet. Sie trägt dieses weiße Oberteil. Maria. Wie sie auf ihrem Lager sitzt, mit einer Decke bis zum Bauch zugedeckt. Eine junge, - und wie ich finde sehr schöne – Frau. Die gerade eine Geburt hinter sich hat. Das Haar strähnig. Aber sie lächelt schon wieder. Sie strahlt viel aus. Schönheit, Jugend, Kraft. Und Erotik. Ich finde diese Maria sehr attraktiv.
Das sieht ganz schön anders aus, was? Ich sehe andere Bilder vor mir, wenn ich an Maria denke. Eine gebeugte, fromme Gestalt, meistens mit Kopftuch. Oft aus Holz geschnitzt als Statue. Die mit seligem Lächeln und langem, formlosen Gewand ihr Kind anschaut. Beide mit Heiligenschein. Hier auf diesem Bild hat der Maler eine sehr irdische, sehr menschliche Maria gemalt.

Aber auf diesem Bild hat niemand einen Heiligenschein. Auch Josef nicht. Er steht direkt hinter Maria. Mit hoher – sehr hoher Stirn. Dafür mit einem Kinnbart. Er trägt ein unscheinbares, braunes Gewand. Viel ist nicht zu erkennen von Josef. Er steht hinter Maria, im Hintergrund. Der Kopf liegt etwas schief. Ich denke gleich an Josef, den Tischlermeister. Ein Handwerker vom Lande, der nicht so recht weiß, was er von der ganzen Geschichte halten soll. Wie geht es Ihnen? Kommt Ihnen sein Mund nicht auch etwas skeptisch vor? Ja, ich glaube, er lächelt. Aber er hat was ironisches. Das sieht ganz schön anders aus, was? Nicht der Josef, der mir sonst einfällt, mit andächtig nach gebeugten Haupt, vor der Krippe kniend oder stehend. Nein, ein sehr irdischer, sehr normaler Josef. Was denkt er wohl gerade?

Sehr irdisch, sehr normal. Das Baby. Ich selbst habe noch keine Kinder. Aber die meisten von Ihnen haben es erlebt, ein Neugeborenes zu sehen, oder? Das kleinste Baby, das ich gesehen habe, war ein paar Tage alt. Aber immer noch ein bisschen violett. Sehr irdisch. So wie das Kind in Marias Händen, das sie hoch hält. Mit noch sehr babyhaften Gesichtszügen. Hier im Bild sogar kaum zu erkennen. Aber das ist doch das Wunder. Das es so klein ist. Das es so klein anfängt. Und wirklich, ganz echt, auf einmal da ist. Und es ist schon alles dran. Bloß ganz klein. Nach all den Monaten Schwangerschaft, nach all den Schmerzen und Stöhnen und Schreien bei der Geburt. Ein Freund von mir ist grad Vater geworden. Er hat mir davon erzählt. Er konnte die Geburt kaum aushalten. Weil es so schrecklich – so schrecklich schön ist. Hier ist Jesus mal ganz irdisch. Nicht wie sonst oft ein kleines, aber schon sehr Heiland-artiges Kind, das schon in der Krippe weise drein schaut und natürlich einen Heiligenschein hat.

Ich möchte hier nichts abwerten. Keine Kunst aus der Renaissance oder aus einer anderen Zeit. Nein, die alten Bilder sind oft großartig. Ich entdecke aber meine Begeisterung für dieses neuere Bild. Dabei ist 'neu' natürlich relativ. Das Bild ist auch schon bald 100 Jahre alt. Emil Nolde hat es gemalt. Es Teil eines Altars.

'Ganz schön anders', das habe ich jetzt oft genug gesagt. Anders fanden das viele. In der Nazizeit in Deutschland, wo Nolde gelebt hat, galten seine Werke als 'entartete Kunst'. Kein Wunder, finde ich. Es ist provokativ. Auch für uns? Ist es okay, Maria so darzustellen? Ich finde es toll. Es erlaubt uns einen so anderen Blick auf Weihnachten. Der Text im Lukasevangelium ist eben nicht auf Renaissancebilder fest gelegt. Das Wunder ist ganz irdisch. Vielleicht noch verschmiert, wie ein Säugling eben auf die Welt kommt. Eine Geburt ist oft lebensgefährlich. Für Mutter und Kind. So ist der Beginn des Lebens. Auch des Sohnes Gottes. Weil er als Mensch auf die Welt kam. Ich glaube, nicht gleich als weiser Heiland, sondern als echtes, violettes und laut schreiendes Baby, das gestillt und gewickelt werden muss. Das ist das Weihnachtswunder. So wird der Reis hervor gehen aus dem Stamm. Von dem Jesaja spricht. Und da singen die Engel: 'Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.'

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Amen)

Copyright 2006, Peter Stockmann


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Last updated: 2006-05-19