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Gemeinde
für Deutschsprachige - German Language Ministry
Lesungen
und Predigt
Alttestamentliche
Lesung: Jesaja 11, 1-9
Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein
Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen
der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis
und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an
der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was
seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine
Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die
Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und
er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen
schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue
der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei
den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken
lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen
und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären
werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen,
und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein
Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes
Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen
heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN
sein, wie Wasser das Meer bedeckt.
Epistellesung: Titus 2, 11-14
Denn
es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen
Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und
fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung
und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und
unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst für
uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit
und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig
wäre zu guten Werken.
Evangelium: Lukas 2, 1-14+15-20
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser
Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur
Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann
ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in
seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa,
aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt
Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause
und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe
mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und
als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln
und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen
Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend
auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts
ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die
Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten
sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch
nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland
geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln
gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei
dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten
Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Und
als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten
untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die
Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan
hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef,
dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen
hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem
Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich
über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber
behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott
für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie
denn zu ihnen gesagt war.
Predigt:
Gnade
sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem
Herrn Jesus Christus. (Amen)
Liebe
Gemeinde, - es sieht ganz schön anders aus, was? Das
Bild auf dem Umschlag des Gottesdienstprogramms, das Sie in
der Hand haben. Ich möchte in dieser Predigt dieses Bild
betrachten. Nehmen Sie doch Ihr Heft, damit Sie es sich gut
anschauen können. Und tun Sie das doch erst Mal. Nehmen
wir uns einen kleinen Augenblick Zeit, das Bild anzusehen.
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externer
Link zum Bild ---
Ich
möchte Sie durch das Bild führen. - Wir werden nicht
alles anschauen können. Ich werde mich auf die Personen
konzentrieren.
Ich
weiß nicht, wie es Ihnen geht. Was sehen Sie zuerst?
- Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, ist mir zuerst
die Frau ins Auge gefallen. Lange Arme, die sich nach vorn
und oben ausstrecken – und ein kleines violettes Menschlein
hoch halten. Lange, schlanke Arme. Dann kann sich mein Blick
nicht entscheiden. Erst das Baby oder erst weiter die Frau?
Bleiben wir zunächst bei der Frau. Ein Kopf mit langem,
schwarzem Haar, das ihr in den Rücken fällt. Grobe
Strähnen. Ein großes Auge, eine kräftige Augenbraue,
eine üppige Nase und ein lächelnder Mund mit sehr
roten Lippen. Sie sieht auf das Kind in ihren Händen,
ganz konzentriert. Und sie lächelt. Ihr ganzer Blick,
alles an ihr ist auf das Kind ausgerichtet. Sie trägt
dieses weiße Oberteil. Maria. Wie sie auf ihrem Lager
sitzt, mit einer Decke bis zum Bauch zugedeckt. Eine junge,
- und wie ich finde sehr schöne – Frau. Die gerade
eine Geburt hinter sich hat. Das Haar strähnig. Aber
sie lächelt schon wieder. Sie strahlt viel aus. Schönheit,
Jugend, Kraft. Und Erotik. Ich finde diese Maria sehr attraktiv.
Das sieht ganz schön anders aus, was? Ich sehe andere
Bilder vor mir, wenn ich an Maria denke. Eine gebeugte, fromme
Gestalt, meistens mit Kopftuch. Oft aus Holz geschnitzt als
Statue. Die mit seligem Lächeln und langem, formlosen
Gewand ihr Kind anschaut. Beide mit Heiligenschein. Hier auf
diesem Bild hat der Maler eine sehr irdische, sehr menschliche
Maria gemalt.
Aber
auf diesem Bild hat niemand einen Heiligenschein. Auch Josef
nicht. Er steht direkt hinter Maria. Mit hoher – sehr
hoher Stirn. Dafür mit einem Kinnbart. Er trägt
ein unscheinbares, braunes Gewand. Viel ist nicht zu erkennen
von Josef. Er steht hinter Maria, im Hintergrund. Der Kopf
liegt etwas schief. Ich denke gleich an Josef, den Tischlermeister.
Ein Handwerker vom Lande, der nicht so recht weiß, was
er von der ganzen Geschichte halten soll. Wie geht es Ihnen?
Kommt Ihnen sein Mund nicht auch etwas skeptisch vor? Ja,
ich glaube, er lächelt. Aber er hat was ironisches. Das
sieht ganz schön anders aus, was? Nicht der Josef, der
mir sonst einfällt, mit andächtig nach gebeugten
Haupt, vor der Krippe kniend oder stehend. Nein, ein sehr
irdischer, sehr normaler Josef. Was denkt er wohl gerade?
Sehr
irdisch, sehr normal. Das Baby. Ich selbst habe noch keine
Kinder. Aber die meisten von Ihnen haben es erlebt, ein Neugeborenes
zu sehen, oder? Das kleinste Baby, das ich gesehen habe, war
ein paar Tage alt. Aber immer noch ein bisschen violett. Sehr
irdisch. So wie das Kind in Marias Händen, das sie hoch
hält. Mit noch sehr babyhaften Gesichtszügen. Hier
im Bild sogar kaum zu erkennen. Aber das ist doch das Wunder.
Das es so klein ist. Das es so klein anfängt. Und wirklich,
ganz echt, auf einmal da ist. Und es ist schon alles dran.
Bloß ganz klein. Nach all den Monaten Schwangerschaft,
nach all den Schmerzen und Stöhnen und Schreien bei der
Geburt. Ein Freund von mir ist grad Vater geworden. Er hat
mir davon erzählt. Er konnte die Geburt kaum aushalten.
Weil es so schrecklich – so schrecklich schön ist.
Hier ist Jesus mal ganz irdisch. Nicht wie sonst oft ein kleines,
aber schon sehr Heiland-artiges Kind, das schon in der Krippe
weise drein schaut und natürlich einen Heiligenschein
hat.
Ich
möchte hier nichts abwerten. Keine Kunst aus der Renaissance
oder aus einer anderen Zeit. Nein, die alten Bilder sind oft
großartig. Ich entdecke aber meine Begeisterung für
dieses neuere Bild. Dabei ist 'neu' natürlich relativ.
Das Bild ist auch schon bald 100 Jahre alt. Emil Nolde hat
es gemalt. Es Teil eines Altars.
'Ganz
schön anders', das habe ich jetzt oft genug gesagt. Anders
fanden das viele. In der Nazizeit in Deutschland, wo Nolde
gelebt hat, galten seine Werke als 'entartete Kunst'. Kein
Wunder, finde ich. Es ist provokativ. Auch für uns? Ist
es okay, Maria so darzustellen? Ich finde es toll. Es erlaubt
uns einen so anderen Blick auf Weihnachten. Der Text im Lukasevangelium
ist eben nicht auf Renaissancebilder fest gelegt. Das Wunder
ist ganz irdisch. Vielleicht noch verschmiert, wie ein Säugling
eben auf die Welt kommt. Eine Geburt ist oft lebensgefährlich.
Für Mutter und Kind. So ist der Beginn des Lebens. Auch
des Sohnes Gottes. Weil er als Mensch auf die Welt kam. Ich
glaube, nicht gleich als weiser Heiland, sondern als echtes,
violettes und laut schreiendes Baby, das gestillt und gewickelt
werden muss. Das ist das Weihnachtswunder. So wird der Reis
hervor gehen aus dem Stamm. Von dem Jesaja spricht. Und da
singen die Engel: 'Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden.'
Amen.
Und
der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche
Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
(Amen)
Copyright
2006, Peter Stockmann
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