2. Advent
4. Dezember 2005

Pfrin. Karin I. Liebster, Associate Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Altes Testament: Jesaja 64, 1-9

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.
6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott;
10 siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.


Epistellesung: 2. Petrus 3, 8-15a

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,
12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
14 Darum, meine Lieben, während ihr darauf wartet, seid bemüht, dass ihr vor ihm unbefleckt und untadelig im Frieden befunden werdet,
15 und die Geduld unseres Herrn erachtet für eure Rettung.


Evangelium: Markus 1, 1-8

1 Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.
2 Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.«
3 »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!«
4 Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.
5 Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden.
6 Johannes aber trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig
7 und predigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse.
8 Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.


Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
können Sie sich das vorstellen? “Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden.” (Mk 1,5)

Das kann nicht wahr sein. Nicht das ganze jüdische Land und nicht alle Leute von Jerusalem?! Das muss jemand mit Absicht so geschrieben haben. Aber warum? Und warum gehen sie alle zu Johannes, diesem wilden Kerl, bekennen ihre Sünden und glauben ihm, dass einer nach ihm kommt, der stärker ist als er?

Vor langer Zeit, vor Jahrhunderten sogar, hat es einmal eine Verheißung in Juda gegeben. Die Verheißung, dass das Haus Davids für immer bestehen wird und sein Thron für immer Bestand haben wird. (2. Sam 7) Eine Generation später hat Salomo, Davids Sohn, dann in Jerusalem ein Haus gebaut, für den Namen Gottes, den Tempel für den Herrn Israels. Juda hat die Verheißung an das Haus Davids niemals vergessen, noch hat Jerusalem jemals den Glauben daran verloren, dass sie die erwählte Stadt Gottes ist, die Stadt seiner besonderen Gegenwart.

Nun geht das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem herab zu Johannes, um umzukehren, getauft zu werden, Vergebung zu empfangen. Etwas muss falsch gelaufen sein in Juda und in Jerusalem beim Volk Gottes. Johannes der Täufer, dieser wilde Kerl, der sich mit Kamelhaar kleidet und Heuschrecken und Honig isst, hat sie alle zu sich herausgebracht in die Wüste, weg von ihren Häusern, ins Exil. Alle.

Exil. Kein unbekanntes Wort in der Geschichte Israels. Ihre Vorfahren waren im Exil gewesen vor 5 Jahrhunderten, in Babylonien. Viele sind dort geblieben, andere sind nach Hause zurückgekehrt. Denn niemals, auch nicht in Augenblicken der tiefsten Resignation ist die Verheißung an Juda ganz in Vergessenheit geraten, oder ist die Hoffnung ausgestorben, dass Gott in Jerusalem in besonderer Weise gegenwärtig sei.

Der Spross neuer Hoffnung kam aus dem toten Stumpf hervor als Israel im Exil war. In den Worten des Propheten in Jesaja 40 ist aus dem zarten Hoffnungsspross ein mächtiger Baum geworden, dem man sich kaum entziehen kann:
“Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und verkündet ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden. ... Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott.”

Daraufhin machten die Vorfahren sich auf den Weg, zurück aus dem Exil nach Jerusalem und Juda, durch die Wüste, in der Hoffnung, die Herrlichkeit des Herrn zu sehen, die allen Menschen offenbart werden sollte. Zurückgekehrt, bauten sie ihre Häuser wieder auf, den Tempel, die Stadtmauern.

Aber etwas ging schief. Die Leute änderten sich nicht. Sie lebten ihr Leben nicht als solche, denen vergeben worden war. Sie lebten so, als wären sie der Herrlichkeit Gottes in der Wüste niemals begegnet, auf der ebenen Bahn, auf der gerade wurde, was uneben war, und eben, was hügelig war.

Es schien so, als wären die Leute in Jerusalem und in Juda noch immer im Exil. Sie hatten kein Augen zu sehen, dass Gott ihnen schon entgegengekommen war und die rettende Hand ausgestreckt hatte. Sie erinnerten sich nicht mehr daran, dass ihnen schon vergeben war. Und weil sie in diesem Sinn immer noch gefangen waren, sind sie niemals so richtig nach Hause gekommen, zu Hause angekommen. Jedenfalls nicht bei dem Zuhause, wo Gott die Herde führt wie ein Hirte, die Lämmer auf den Armen trägt und die Mutterschafe freundlich lenkt.

Tempel, Stadt und Land sind nach dem Exil nicht Zuhause geworden für das Volk Gottes, sondern waren wie in alten Zeiten wieder Orte der Korruption, Benachteiligung von Lohnarbeitern, Waisen und Witwen. Opfer und Zehntabgaben wurden nicht gemacht, andere Götter angebetet, und Gott wurde verklagt, seine Verheißungen nicht zu erfüllen.

Es gab aber auch immer die, die Gott nahe blieben, die Ohren hatten zu hören und Augen zu sehen. Selbst über ein lange Zeit hinweg erinnerten sie sich daran, dass Israel nie wirklich aus dem Exil zurückgekehrt, nach Hause gekommen war. Dass Israel die Vergebung, die es empfangen hatte, nicht verstanden hatte und nicht angenommen hatte.

Einer von diesen, die Gott nahe waren, war Johannes. Er war ein neuer Prophet für eine neue Zeit. Jetzt kam das ganze jüdische Land und ganz Jerusalem zu ihm hinaus an den Jordan. Jetzt waren sie soweit. Und um endlich zu Hause anzukommen, gingen sie einen Schritt zurück in ihre alte Reise, zurück in die Wüste für eine Taufe, die Taufe der Umkehr, der Reinigung, um bereit zu sein für den, der mit dem Heiligen Geist taufen wird.

Liebe Gemeinde,
alle die Leute da am Jordan, laden uns ein, uns zu ihnen zu gesellen, uns auch dem Ritual der Reinigung zu unterziehen, Sünden wegwaschen lassen, die alten Gewohnheiten, die alten Ängste, Auswüchse und innerliche Verlotterung. Sie fordern uns auf, unseren Stolz ins Wasser zu werfen, Geiz, und auch die Überzeugung, dass unsere Sünden so schlimm sind, dass sie unmöglich vergeben werden könnten. Schwestern und Brüder, für jede Sünde gibt es Vergebung. Und das ist tatsächlich der Anfang der guten Nachricht von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Denkt daran, erinnert euch, es gibt Vergebung.

Ich gehe nicht davon aus, liebe Gemeinde, dass wir nun alle im Exil leben. Wenn auch die Deutung, die Johannes seiner historischen Situation gibt, von der unseren vielleicht gar nicht so sehr abweichen muss. Angst, Stolz und Geiz/ Gier sind nach wie vor starke Motive unseres Handelns - in unseren Beziehungen, in der Gesellschaft, als Nation/ Nationen. Auch in unserer Selbstbetrachtung und Selbstprüfung geht es uns oft so, dass wir stolz daran festhalten, dass unsere Sünden unvergebbar sind. In diesem Sinn sind auch wir noch weit weg von zu Hause, weit weg von dem, was Gott in seiner Gnade für uns vorgesehen hat.
Es ist sehr schwer, den Kopf zu heben und den Blick auf die ebene Bahn zu richten, wo uns unser Gott entgegenkommt und ohne unser Zutun Vergebung und Führung bereithält, die wir nur anzunehmen brauchen.

Ich möchte heute mit einer Geschichte abschließen, liebe Gemeinde. Mit einer Geschichte von wilden Kerlen, Exil, Rückkehr und Vergebung. Es ist Maurice Sendak’s Buch Wo die Kerle leben.

An dem Abend, als Max sein Wolfskostüm trug und Unsinn machte auf eine Weise (er schlägt mit einem Hammer Nägel in die Wand) und auf eine andere (er jagt den Hund mit einer Gabel), nannte seine Mutter ihn einen wilden Kerl, und Max sagte, “Ich fresse dich auf!” Da mußte er ins Bett ohne etwas zu essen.
Da war Max nun in seinem Zimmer, time-out, ohne Abendessen. An genau dem Abend fing ein Wald an zu wachsen in seinem Zimmer, er wuchs und wuchs und wuchs bis schließlich alles zugewachsen war und die Wände die Welt um ihn herum wurden. Dann stieg Max in ein Boot und segelte davon, in das Land der wilden Kerle.
Als er bei den wilden Kerlen ankam, brüllten die wilden Kerle ihr schreckliches Gebrüll, und knirschten mit ihren schrecklichen Zähnen, und rollten mit ihren schrecklichen Augen, und streckten ihre schrecklichen Krallen aus, bis Max sagte, “Seid still!” Und er zähmte sie mit einem magischen Trick und starrte ihnen in ihre gelben Augen ohne mit den Wimpern zu zucken, und sie bekamen schreckliche Angst und nannten ihn den wildesten Kerl von allen und machten ihn zum König der wilden Kerle.
“Und jetzt,” rief Max, “geht der wilde Tanz los!” Und nach einer langen Zeit wilden Tanzens sagte Max, “Jetzt stop!”, und er schickte die wilden Kerle ins Bett ohne Abendessen. Aber Max, der König der wilden Kerle, fühlte sich auf einmal einsam, und er merkte, wie weit weg er von zu Hause war. Das Land der wilden Kerle war sein Exil geworden. Jetzt wünschte er sich dorthin, wo jemand ihn am allerliebsten hatte.

In dem Moment kam von ganz weit weg quer über den Ozean eine Botschaft von Liebe und Vergebung zu ihm, in Form des Geruchs von etwas Gutem zu essen. Da hörte Max auf, König der wilden Kerle zu sein, sagte Auf Wiedersehen, auch wenn sie ihn nicht gehen lassen wollten, und er segelte zurück in die Nacht seines eigenen Zimmers. Dort fand er sein Abendessen auf ihn warten. Und es war noch warm.

Liebe und Vergebung winken auch uns zu quer über alles hinweg. Erinnert euch, denkt daran. Kommt nach Hause. Gott vergibt.
Und: das Essen wartet. Der Tisch ist schon fast gedeckt.
Amen.

Copyright 2005, Karin Liebster


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Last updated: 2006-05-19