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Gemeinde
für Deutschsprachige - German Language Ministry
Lesungen
und Predigt
Altes
Testament: Jesaja 64, 1-9
1
Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre
Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist;
denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN
für alle ihre Sünden.
3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN
den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge
und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist,
soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und
alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund
hat's geredet.
6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll
ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte
ist wie eine Blume auf dem Felde.
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem
bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres
Gottes bleibt ewiglich.
9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem,
du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie
und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas:
Siehe, da ist euer Gott;
10 siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein
Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und
was er sich erwarb, geht vor ihm her.
11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer
in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen
und die Mutterschafe führen.
Epistellesung: 2. Petrus 3, 8-15a
8
Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag
vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie
ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie
es einige für eine Verzögerung halten; sondern er
hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde,
sondern dass jedermann zur Buße finde.
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden
die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente
aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke,
die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr
dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,
12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt,
an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor
Hitze zerschmelzen werden.
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde
nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
14 Darum, meine Lieben, während ihr darauf wartet, seid
bemüht, dass ihr vor ihm unbefleckt und untadelig im
Frieden befunden werdet,
15 und die Geduld unseres Herrn erachtet für eure Rettung.
Evangelium: Markus 1, 1-8
1
Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem
Sohn Gottes.
2 Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe,
ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten
soll.«
3 »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!«
4 Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte
die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.
5 Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und
alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen
im Jordan und bekannten ihre Sünden.
6 Johannes aber trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen
ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken
und wilden Honig
7 und predigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der ist
stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich
vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse.
8 Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen
Geist taufen.
Predigt
Gnade
sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem
Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe
Gemeinde,
können Sie sich das vorstellen? “Und es ging zu
ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von
Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und
bekannten ihre Sünden.” (Mk 1,5)
Das
kann nicht wahr sein. Nicht das ganze jüdische Land und
nicht alle Leute von Jerusalem?! Das muss jemand mit Absicht
so geschrieben haben. Aber warum? Und warum gehen sie alle
zu Johannes, diesem wilden Kerl, bekennen ihre Sünden
und glauben ihm, dass einer nach ihm kommt, der stärker
ist als er?
Vor
langer Zeit, vor Jahrhunderten sogar, hat es einmal eine Verheißung
in Juda gegeben. Die Verheißung, dass das Haus Davids
für immer bestehen wird und sein Thron für immer
Bestand haben wird. (2. Sam 7) Eine Generation später
hat Salomo, Davids Sohn, dann in Jerusalem ein Haus gebaut,
für den Namen Gottes, den Tempel für den Herrn Israels.
Juda hat die Verheißung an das Haus Davids niemals vergessen,
noch hat Jerusalem jemals den Glauben daran verloren, dass
sie die erwählte Stadt Gottes ist, die Stadt seiner besonderen
Gegenwart.
Nun
geht das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem
herab zu Johannes, um umzukehren, getauft zu werden, Vergebung
zu empfangen. Etwas muss falsch gelaufen sein in Juda und
in Jerusalem beim Volk Gottes. Johannes der Täufer, dieser
wilde Kerl, der sich mit Kamelhaar kleidet und Heuschrecken
und Honig isst, hat sie alle zu sich herausgebracht in die
Wüste, weg von ihren Häusern, ins Exil. Alle.
Exil.
Kein unbekanntes Wort in der Geschichte Israels. Ihre Vorfahren
waren im Exil gewesen vor 5 Jahrhunderten, in Babylonien.
Viele sind dort geblieben, andere sind nach Hause zurückgekehrt.
Denn niemals, auch nicht in Augenblicken der tiefsten Resignation
ist die Verheißung an Juda ganz in Vergessenheit geraten,
oder ist die Hoffnung ausgestorben, dass Gott in Jerusalem
in besonderer Weise gegenwärtig sei.
Der
Spross neuer Hoffnung kam aus dem toten Stumpf hervor als
Israel im Exil war. In den Worten des Propheten in Jesaja
40 ist aus dem zarten Hoffnungsspross ein mächtiger Baum
geworden, dem man sich kaum entziehen kann:
“Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer
Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und verkündet ihr,
dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben
ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des
Herrn für alle ihre Sünden. ... Jerusalem, du Freudenbotin,
erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte
dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer
Gott.”
Daraufhin
machten die Vorfahren sich auf den Weg, zurück aus dem
Exil nach Jerusalem und Juda, durch die Wüste, in der
Hoffnung, die Herrlichkeit des Herrn zu sehen, die allen Menschen
offenbart werden sollte. Zurückgekehrt, bauten sie ihre
Häuser wieder auf, den Tempel, die Stadtmauern.
Aber
etwas ging schief. Die Leute änderten sich nicht. Sie
lebten ihr Leben nicht als solche, denen vergeben worden war.
Sie lebten so, als wären sie der Herrlichkeit Gottes
in der Wüste niemals begegnet, auf der ebenen Bahn, auf
der gerade wurde, was uneben war, und eben, was hügelig
war.
Es
schien so, als wären die Leute in Jerusalem und in Juda
noch immer im Exil. Sie hatten kein Augen zu sehen, dass Gott
ihnen schon entgegengekommen war und die rettende Hand ausgestreckt
hatte. Sie erinnerten sich nicht mehr daran, dass ihnen schon
vergeben war. Und weil sie in diesem Sinn immer noch gefangen
waren, sind sie niemals so richtig nach Hause gekommen, zu
Hause angekommen. Jedenfalls nicht bei dem Zuhause, wo Gott
die Herde führt wie ein Hirte, die Lämmer auf den
Armen trägt und die Mutterschafe freundlich lenkt.
Tempel,
Stadt und Land sind nach dem Exil nicht Zuhause geworden für
das Volk Gottes, sondern waren wie in alten Zeiten wieder
Orte der Korruption, Benachteiligung von Lohnarbeitern, Waisen
und Witwen. Opfer und Zehntabgaben wurden nicht gemacht, andere
Götter angebetet, und Gott wurde verklagt, seine Verheißungen
nicht zu erfüllen.
Es
gab aber auch immer die, die Gott nahe blieben, die Ohren
hatten zu hören und Augen zu sehen. Selbst über
ein lange Zeit hinweg erinnerten sie sich daran, dass Israel
nie wirklich aus dem Exil zurückgekehrt, nach Hause gekommen
war. Dass Israel die Vergebung, die es empfangen hatte, nicht
verstanden hatte und nicht angenommen hatte.
Einer
von diesen, die Gott nahe waren, war Johannes. Er war ein
neuer Prophet für eine neue Zeit. Jetzt kam das ganze
jüdische Land und ganz Jerusalem zu ihm hinaus an den
Jordan. Jetzt waren sie soweit. Und um endlich zu Hause anzukommen,
gingen sie einen Schritt zurück in ihre alte Reise, zurück
in die Wüste für eine Taufe, die Taufe der Umkehr,
der Reinigung, um bereit zu sein für den, der mit dem
Heiligen Geist taufen wird.
Liebe
Gemeinde,
alle die Leute da am Jordan, laden uns ein, uns zu ihnen zu
gesellen, uns auch dem Ritual der Reinigung zu unterziehen,
Sünden wegwaschen lassen, die alten Gewohnheiten, die
alten Ängste, Auswüchse und innerliche Verlotterung.
Sie fordern uns auf, unseren Stolz ins Wasser zu werfen, Geiz,
und auch die Überzeugung, dass unsere Sünden so
schlimm sind, dass sie unmöglich vergeben werden könnten.
Schwestern und Brüder, für jede Sünde gibt
es Vergebung. Und das ist tatsächlich der Anfang der
guten Nachricht von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Denkt
daran, erinnert euch, es gibt Vergebung.
Ich
gehe nicht davon aus, liebe Gemeinde, dass wir nun alle im
Exil leben. Wenn auch die Deutung, die Johannes seiner historischen
Situation gibt, von der unseren vielleicht gar nicht so sehr
abweichen muss. Angst, Stolz und Geiz/ Gier sind nach wie
vor starke Motive unseres Handelns - in unseren Beziehungen,
in der Gesellschaft, als Nation/ Nationen. Auch in unserer
Selbstbetrachtung und Selbstprüfung geht es uns oft so,
dass wir stolz daran festhalten, dass unsere Sünden unvergebbar
sind. In diesem Sinn sind auch wir noch weit weg von zu Hause,
weit weg von dem, was Gott in seiner Gnade für uns vorgesehen
hat.
Es ist sehr schwer, den Kopf zu heben und den Blick auf die
ebene Bahn zu richten, wo uns unser Gott entgegenkommt und
ohne unser Zutun Vergebung und Führung bereithält,
die wir nur anzunehmen brauchen.
Ich
möchte heute mit einer Geschichte abschließen,
liebe Gemeinde. Mit einer Geschichte von wilden Kerlen, Exil,
Rückkehr und Vergebung. Es ist Maurice Sendak’s
Buch Wo die Kerle leben.
An
dem Abend, als Max sein Wolfskostüm trug und Unsinn machte
auf eine Weise (er schlägt mit einem Hammer Nägel
in die Wand) und auf eine andere (er jagt den Hund mit einer
Gabel), nannte seine Mutter ihn einen wilden Kerl, und Max
sagte, “Ich fresse dich auf!” Da mußte er
ins Bett ohne etwas zu essen.
Da war Max nun in seinem Zimmer, time-out, ohne Abendessen.
An genau dem Abend fing ein Wald an zu wachsen in seinem Zimmer,
er wuchs und wuchs und wuchs bis schließlich alles zugewachsen
war und die Wände die Welt um ihn herum wurden. Dann
stieg Max in ein Boot und segelte davon, in das Land der wilden
Kerle.
Als er bei den wilden Kerlen ankam, brüllten die wilden
Kerle ihr schreckliches Gebrüll, und knirschten mit ihren
schrecklichen Zähnen, und rollten mit ihren schrecklichen
Augen, und streckten ihre schrecklichen Krallen aus, bis Max
sagte, “Seid still!” Und er zähmte sie mit
einem magischen Trick und starrte ihnen in ihre gelben Augen
ohne mit den Wimpern zu zucken, und sie bekamen schreckliche
Angst und nannten ihn den wildesten Kerl von allen und machten
ihn zum König der wilden Kerle.
“Und jetzt,” rief Max, “geht der wilde Tanz
los!” Und nach einer langen Zeit wilden Tanzens sagte
Max, “Jetzt stop!”, und er schickte die wilden
Kerle ins Bett ohne Abendessen. Aber Max, der König der
wilden Kerle, fühlte sich auf einmal einsam, und er merkte,
wie weit weg er von zu Hause war. Das Land der wilden Kerle
war sein Exil geworden. Jetzt wünschte er sich dorthin,
wo jemand ihn am allerliebsten hatte.
In dem Moment kam von ganz weit weg quer über den Ozean
eine Botschaft von Liebe und Vergebung zu ihm, in Form des
Geruchs von etwas Gutem zu essen. Da hörte Max auf, König
der wilden Kerle zu sein, sagte Auf Wiedersehen, auch wenn
sie ihn nicht gehen lassen wollten, und er segelte zurück
in die Nacht seines eigenen Zimmers. Dort fand er sein Abendessen
auf ihn warten. Und es war noch warm.
Liebe
und Vergebung winken auch uns zu quer über alles hinweg.
Erinnert euch, denkt daran. Kommt nach Hause. Gott vergibt.
Und: das Essen wartet. Der Tisch ist schon fast gedeckt.
Amen.
Copyright
2005, Karin Liebster
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