Allerheiligen
24. Sonntag nach Pfingsten
6. November 2005

Pfr. Peter Stockmann, Guest Pastor

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Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesunge und Predigt

Erste Lesung: Offenbarung 7, 9-17

9 Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,
10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
11 Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
13 Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen?
14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.
15 Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.
16 Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; 17 denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.


Epistellesung: 1. Johannes 3, 1-3

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.


Evangelium: Matthäus 5, 1-10

1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: 3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. 4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die gFriedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.


Predigt:

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Andreas kam mir schon entgegen. Ich war spät dran, schon kurz nach zwei. Ich war geschwitzt, draußen war es feucht und stickig, graue Nebelschwaden. Ich war mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, damals, als Zivildienstleistender im Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Ich hatte schlechte Laune, das weiß ich noch genau - und überhaupt keine Lust, schon wieder Spätdienst machen zu müssen. Der Vormittag war stressig gewesen. So kam ich ins Haus.
Da kam mir Andreas entgegen. Wie immer, fast auf Zehenspitzen, mit ein bisschen zu kurzer Hose und ein bisschen zu dünnen Beinen darin. Seine Augen haben mich wie immer nur ganz kurz angeguckt. Und er sagt: ‘Oh, Du hättest heute nicht kommen sollen. Dir geht’s nicht gut.’

Da war ich platt. Andreas, der Bewohner aus unserer Wohngruppe, der immer so komisch ist. Der nie ganz da ist, einen nie richtig anschaut. Der einen so genannten ‘beschützten’ Arbeitsplatz in der Werkstatt für Behinderte hat. Er steht jeden Werktag an einer Arbeitsfläche in der Bäckerei und formt Brötchen. Er kennt sie alle. Sesam, Mohn, Vollkorn, Laugenbrötchen. An manchen Tagen Kümmelstangen. Sonst kennt er nicht viel. Andreas, der nicht viel kann, weder besonders deutlich sprechen, noch lesen, noch rechnen; und der auch kaum Freunde hat. Dafür angeknabberte Fingernägel.

Und dieser Andreas, den man leicht als geistig behindert bezeichnet: Er braucht nur eine Sekunde, um ganz genau zu begreifen, wie es mir geht. Er konnte das damals viel genauer und viel schneller sagen, als ich es gekonnt hätte. Natürlich bin ich nicht nach Hause gegangen. Der Tag wurde auch nicht wie durch ein Wunder strahlend und schön. Aber nach meiner Begegnung mit Andreas war meine Laune ein bisschen besser.

Das war so ungefähr im ersten Drittel meines Zivildienstes. Ich war immer noch ein Anfänger. Hatte grad das Abitur hinter mich gebracht. - Und dann kamen Andreas und seine Mitbewohner. Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals an die Seligpreisungen denken musste. Als Konfirmand hatte ich sie auswendig lernen müssen. Die eine wurde sozusagen ‘meine Seligpreisung’. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. In dieser Arbeit wurde ich ganz neu damit konfrontiert. Weil mir klar war, wer da gemeint ist: Leute wie Andreas sind selig, weil sie geistlich arm sind.

Klar, es gibt einen Unterschied zwischen den Wörtern ‘geistig’ und ‘geistlich’. Das war mir aber nicht wichtig, weil ich sehr schnell wusste, ja wirklich genau wusste, dass ‘meine’ Bewohnerinnen und Bewohner im Wohnheim auf jeden Fall selig sind. Sie sind gemeint.

Selig sind, die geistlich arm sind. Dabei ist es vielleicht seltsam, wenn ich an Andreas denken muss. Denn das, was ich da von ihm erzählt habe, spricht ja von etwas anderem als Armut. Es spricht nicht davon, dass er etwas nicht konnte, sondern im Gegenteil. Er hat die Fähigkeit, besonders sensibel zu sein - das kann er. Trotzdem lebt Andreas natürlich unter einer gewissen Armut. Er hat nicht viel Geld und wird auch nie wohlhabend sein. Und die Dinge, die er nicht kann, sind mehr, als die, die er kann. Jedenfalls wenn ich von den Dingen rede, die uns Menschen ohne größere Beeinträchtigung wichtig sind, um Karriere zu machen. Kommunikation, Fachwissen, Bildung, Erfolg, Ansehen.

Selig sind, die... Jesus hat das gesagt. Ich ergänze: ... die all das nicht haben. Die Seligpreisungen stammen wahrscheinlich von ihm selbst. Und sind nicht erst später entstanden, wie andere Teile der Bibel. Jesus spricht vom Reich Gottes. Mit den Seligpreisungen beschreibt er Grundsätze, wie die Gesellschaft im Reich Gottes aussieht. In dem andere Regeln gelten als in unserer Gesellschaft. Das Reich Gottes ist nicht wie unsere Gesellschaft, sondern ist die Gesellschaft Gottes. Wo nicht Kommunikation, Fachwissen, Bildung, Erfolg über den Lebensweg eines Menschen entscheiden, sondern andere Dinge.

Hochangesehen, selig, sind die, die geistlich arm sind. Oder die Leid tragen. Die Sanftmütigen, die Barmherzigen und so weiter. Für mich klingt das immer nach einer anderen Gesellschaft als der unseren. Wo z.B. Menschen wie Andreas nicht in abgeschiedenen Wohnheimen leben müssen, sondern mitten drin sind. So, dass es ihren Fähigkeiten und ihren Einschränkungen gerecht wird.

Aber es geht nicht nur um geistig Behinderte. Sondern alle, die eingeschränkt sind. Die Kranken, die Verletzten, die Sterbenden. Die, die auf der Kippe des Lebens stehen. Die, die vielleicht alle Lebensqualität verloren haben - in der Pflege, in Demenz oder in psychischen Erkrankungen. Menschen wie du und ich, deren Leben plötzlich einen Riss bekommt. Der auseinander klafft und weh tut. Der hoffentlich, aber nicht immer wieder heilt. All denen gilt: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Bis jetzt habe ich immer nur vom ersten Teil der Seligpreisungen gesprochen. Bis zum Komma. Im zweiten Teil steht immer, was den Seligen blüht. ... denn sie sollen getröstet werden. ... denn ihrer ist das Himmelreich. ... denn sie werden Gottes Kinder heißen. Und so weiter. So ist das im Reich Gottes. Die Seligen sind es, die da Bedeutung haben.

Nicht die, die sich selbst hoch gearbeitet haben, reich sind oder anders wichtig in unserer Gesellschaft. Nicht self-made. Das ist die gute Nachricht für heute. Nicht wir machen uns selig, sondern Gott macht das. Allein er entscheidet, wer selig ist. Unabhängig davon, wer bei uns was ist und wer nicht. Da gibt es keine Ausgrenzung mehr wegen Behinderungen, keine Nachteile, weil das Geld für die Krankenversicherung nicht reicht. Keine Ausgrenzung mehr wegen der falschen Hautfarbe oder schlechter Bildung. Gott spricht in Jesus: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Die Seligpreisungen konstatieren das. So ist es. Sie sind keine Gesetze, die wir befolgen sollen. Sondern sie sprechen zu allen Menschen, egal mit welchen Eigenschaften. Wir alle sind gemeint. Wir alle tragen Leid, wir alle hungern und dürsten nach irgend etwas, wenn vielleicht auch nicht nach Gerechtigkeit. Sehr schnell erleben wir alle, wie ein Riss durchs Leben geht. Heute ist Allerheiligen. Wir gedenken in diesem Gottesdienst auch der Toten des vergangenen Jahres. Wie viele von ihnen sind unter Schmerzen aus diesem Leben gegangen? Wie viele von ihnen wollten noch nicht gehen? Wie viele von ihnen hatten es schon lange satt? Sie alle sind gemeint. Selig sind alle diese, denn Gott nimmt sie an.

Und wir? Die Hinterbliebenen? Wie viel Leid kann der Tod eines Menschen bedeuten. Es tut weh, ich vermisse ihn. Oder sie. Selig sind alle, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Die Toten gehen ins Reich Gottes ein. Die Gesellschaft Gottes, die anders funktioniert als unsere. Die Lesung aus der Offenbarung vorhin spricht davon.

“Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.”

Schöner kann eine Verheißung kaum sein. Andreas hätte nur mit Mühe begriffen, wovon die Worte reden. Aber er hätte gewusst, was es heißt. Jemandem Tränen abwischen. Denn das konnte er auch, das habe ich gesehen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Mühen und Streben, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Amen.)

Copyright 2005, Peter Stockmann


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Last updated: 2006-05-19