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Gemeinde
für Deutschsprachige - German Language Ministry
Lesunge
und Predigt
Erste
Lesung: Offenbarung 7, 9-17
9
Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand
zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und
Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor
dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen
in ihren Händen,
10 und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem,
der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!
11 Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten
und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron
auf ihr Angesicht und beteten Gott an 12 und sprachen: Amen,
Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und
Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
13 Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir:
Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan
sind, und woher sind sie gekommen?
14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und
er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der
großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen
und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.
15 Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag
und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird
über ihnen wohnen.
16 Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird
auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze;
17 denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und
leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird
abwischen alle Tränen von ihren Augen.
Epistellesung: 1. Johannes 3, 1-3
1
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß
wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch!
Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber
noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen
aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn
wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt
sich, wie auch jener rein ist.
Evangelium: Matthäus 5, 1-10
1
Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte
sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: 3 Selig
sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet
werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich
besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit
erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott
schauen.
9 Selig sind die gFriedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder
heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Predigt:
Gnade
sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem
Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe
Gemeinde,
Andreas
kam mir schon entgegen. Ich war spät dran, schon kurz
nach zwei. Ich war geschwitzt, draußen war es feucht
und stickig, graue Nebelschwaden. Ich war mit dem Fahrrad
zur Arbeit gefahren, damals, als Zivildienstleistender im
Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Ich
hatte schlechte Laune, das weiß ich noch genau - und
überhaupt keine Lust, schon wieder Spätdienst machen
zu müssen. Der Vormittag war stressig gewesen. So kam
ich ins Haus.
Da kam mir Andreas entgegen. Wie immer, fast auf Zehenspitzen,
mit ein bisschen zu kurzer Hose und ein bisschen zu dünnen
Beinen darin. Seine Augen haben mich wie immer nur ganz kurz
angeguckt. Und er sagt: ‘Oh, Du hättest heute nicht
kommen sollen. Dir geht’s nicht gut.’
Da
war ich platt. Andreas, der Bewohner aus unserer Wohngruppe,
der immer so komisch ist. Der nie ganz da ist, einen nie richtig
anschaut. Der einen so genannten ‘beschützten’
Arbeitsplatz in der Werkstatt für Behinderte hat. Er
steht jeden Werktag an einer Arbeitsfläche in der Bäckerei
und formt Brötchen. Er kennt sie alle. Sesam, Mohn, Vollkorn,
Laugenbrötchen. An manchen Tagen Kümmelstangen.
Sonst kennt er nicht viel. Andreas, der nicht viel kann, weder
besonders deutlich sprechen, noch lesen, noch rechnen; und
der auch kaum Freunde hat. Dafür angeknabberte Fingernägel.
Und
dieser Andreas, den man leicht als geistig behindert bezeichnet:
Er braucht nur eine Sekunde, um ganz genau zu begreifen, wie
es mir geht. Er konnte das damals viel genauer und viel schneller
sagen, als ich es gekonnt hätte. Natürlich bin ich
nicht nach Hause gegangen. Der Tag wurde auch nicht wie durch
ein Wunder strahlend und schön. Aber nach meiner Begegnung
mit Andreas war meine Laune ein bisschen besser.
Das
war so ungefähr im ersten Drittel meines Zivildienstes.
Ich war immer noch ein Anfänger. Hatte grad das Abitur
hinter mich gebracht. - Und dann kamen Andreas und seine Mitbewohner.
Ich weiß noch ganz genau, wie ich damals an die Seligpreisungen
denken musste. Als Konfirmand hatte ich sie auswendig lernen
müssen. Die eine wurde sozusagen ‘meine Seligpreisung’.
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das
Himmelreich. In dieser Arbeit wurde ich ganz neu damit konfrontiert.
Weil mir klar war, wer da gemeint ist: Leute wie Andreas sind
selig, weil sie geistlich arm sind.
Klar,
es gibt einen Unterschied zwischen den Wörtern ‘geistig’
und ‘geistlich’. Das war mir aber nicht wichtig,
weil ich sehr schnell wusste, ja wirklich genau wusste, dass
‘meine’ Bewohnerinnen und Bewohner im Wohnheim
auf jeden Fall selig sind. Sie sind gemeint.
Selig
sind, die geistlich arm sind. Dabei ist es vielleicht seltsam,
wenn ich an Andreas denken muss. Denn das, was ich da von
ihm erzählt habe, spricht ja von etwas anderem als Armut.
Es spricht nicht davon, dass er etwas nicht konnte, sondern
im Gegenteil. Er hat die Fähigkeit, besonders sensibel
zu sein - das kann er. Trotzdem lebt Andreas natürlich
unter einer gewissen Armut. Er hat nicht viel Geld und wird
auch nie wohlhabend sein. Und die Dinge, die er nicht kann,
sind mehr, als die, die er kann. Jedenfalls wenn ich von den
Dingen rede, die uns Menschen ohne größere Beeinträchtigung
wichtig sind, um Karriere zu machen. Kommunikation, Fachwissen,
Bildung, Erfolg, Ansehen.
Selig
sind, die... Jesus hat das gesagt. Ich ergänze: ... die
all das nicht haben. Die Seligpreisungen stammen wahrscheinlich
von ihm selbst. Und sind nicht erst später entstanden,
wie andere Teile der Bibel. Jesus spricht vom Reich Gottes.
Mit den Seligpreisungen beschreibt er Grundsätze, wie
die Gesellschaft im Reich Gottes aussieht. In dem andere Regeln
gelten als in unserer Gesellschaft. Das Reich Gottes ist nicht
wie unsere Gesellschaft, sondern ist die Gesellschaft Gottes.
Wo nicht Kommunikation, Fachwissen, Bildung, Erfolg über
den Lebensweg eines Menschen entscheiden, sondern andere Dinge.
Hochangesehen,
selig, sind die, die geistlich arm sind. Oder die Leid tragen.
Die Sanftmütigen, die Barmherzigen und so weiter. Für
mich klingt das immer nach einer anderen Gesellschaft als
der unseren. Wo z.B. Menschen wie Andreas nicht in abgeschiedenen
Wohnheimen leben müssen, sondern mitten drin sind. So,
dass es ihren Fähigkeiten und ihren Einschränkungen
gerecht wird.
Aber
es geht nicht nur um geistig Behinderte. Sondern alle, die
eingeschränkt sind. Die Kranken, die Verletzten, die
Sterbenden. Die, die auf der Kippe des Lebens stehen. Die,
die vielleicht alle Lebensqualität verloren haben - in
der Pflege, in Demenz oder in psychischen Erkrankungen. Menschen
wie du und ich, deren Leben plötzlich einen Riss bekommt.
Der auseinander klafft und weh tut. Der hoffentlich, aber
nicht immer wieder heilt. All denen gilt: Selig sind, die
da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Bis
jetzt habe ich immer nur vom ersten Teil der Seligpreisungen
gesprochen. Bis zum Komma. Im zweiten Teil steht immer, was
den Seligen blüht. ... denn sie sollen getröstet
werden. ... denn ihrer ist das Himmelreich. ... denn sie werden
Gottes Kinder heißen. Und so weiter. So ist das im Reich
Gottes. Die Seligen sind es, die da Bedeutung haben.
Nicht
die, die sich selbst hoch gearbeitet haben, reich sind oder
anders wichtig in unserer Gesellschaft. Nicht self-made. Das
ist die gute Nachricht für heute. Nicht wir machen uns
selig, sondern Gott macht das. Allein er entscheidet, wer
selig ist. Unabhängig davon, wer bei uns was ist und
wer nicht. Da gibt es keine Ausgrenzung mehr wegen Behinderungen,
keine Nachteile, weil das Geld für die Krankenversicherung
nicht reicht. Keine Ausgrenzung mehr wegen der falschen Hautfarbe
oder schlechter Bildung. Gott spricht in Jesus: Selig sind,
die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer
ist das Himmelreich.
Die
Seligpreisungen konstatieren das. So ist es. Sie sind keine
Gesetze, die wir befolgen sollen. Sondern sie sprechen zu
allen Menschen, egal mit welchen Eigenschaften. Wir alle sind
gemeint. Wir alle tragen Leid, wir alle hungern und dürsten
nach irgend etwas, wenn vielleicht auch nicht nach Gerechtigkeit.
Sehr schnell erleben wir alle, wie ein Riss durchs Leben geht.
Heute ist Allerheiligen. Wir gedenken in diesem Gottesdienst
auch der Toten des vergangenen Jahres. Wie viele von ihnen
sind unter Schmerzen aus diesem Leben gegangen? Wie viele
von ihnen wollten noch nicht gehen? Wie viele von ihnen hatten
es schon lange satt? Sie alle sind gemeint. Selig sind alle
diese, denn Gott nimmt sie an.
Und
wir? Die Hinterbliebenen? Wie viel Leid kann der Tod eines
Menschen bedeuten. Es tut weh, ich vermisse ihn. Oder sie.
Selig sind alle, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet
werden. Die Toten gehen ins Reich Gottes ein. Die Gesellschaft
Gottes, die anders funktioniert als unsere. Die Lesung aus
der Offenbarung vorhin spricht davon.
“Sie
werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch
nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn
das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu
den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen
alle Tränen von ihren Augen.”
Schöner
kann eine Verheißung kaum sein. Andreas hätte nur
mit Mühe begriffen, wovon die Worte reden. Aber er hätte
gewusst, was es heißt. Jemandem Tränen abwischen.
Denn das konnte er auch, das habe ich gesehen.
Amen.
Und
der Friede Gottes, der höher ist als all unser Mühen
und Streben, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
(Amen.)
Copyright
2005, Peter Stockmann
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