20. Sonntag nach Pfingsten
2 . Oktober 2005

Pfr. Peter Stockmann, Guest Pastor

Welcome

About Us

Resources

Contacts

Home

Gemeinde für Deutschsprachige - German Language Ministry

Lesungen und Predigt

Altes Testament: Jesaja 5,1-7

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, daß er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Epistellesung: Philipper 3, 4-14

4 Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr,
5 der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer,
6 nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen.
7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.
8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinet Willen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.
10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,
11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was da hinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.


Evangelium: Matthäus 21,33-46

33 Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.
34 Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holten.
35 Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie.
36 Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erstemal; und sie taten mit ihnen dasselbe.
37 Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.
38 Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen! 39 Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.
40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun?
41 Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.
42 Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?
43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.
44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.
45 Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, daß er von ihnen redete.
46 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.


Predigt:

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

da hat er es uns aber gegeben. Ganz schön gewaltig, finden Sie nicht auch? Ich rede von Jesus, der das Gleichnis erzählt hat. Wir haben es gerade gehört.

Ein Grundbesitzer legt seinen Weinberg an. Nicht einfach so. Keinen lieblos angelegten Acker, sondern mit sehr viel Hingabe. Ganz gründlich. Sogar mit einem festen Gebäude und einer guten, stabilen Kelter, um die Saftherstellung leichter und ergiebiger zu machen. Er hat sicher viel Geld bezahlt. Schließlich stellt er Lohnarbeiter an, die für ihn den Weinberg bebauen und ernten. Die Bedingung für sie: Sie müssen ihm von der Ernte abgeben. Einen bestimmten Teil.

Aber die Weingärtner tun nicht einfach, was ihr Auftrag ist. Sie wollen nicht nur ihren Lohn, sondern die gesamte Ernte für sich behalten. Vielleicht haben sie im Laufe der Zeit gemerkt, wie schön es wäre, mehr Geld mit ihrer Arbeit zu verdienen als der Weinbergbesitzer ihnen eigentlich zugestehen will. Als der Weinbergbesitzer dann Leute schickt, um seinen Anteil holen zu lassen, bringen die Lohnbauern sie einfach um. Und das passiert nicht nur einmal, sondern mehrmals hinter einander. Mehrmals werden Boten des Besitzers geprügelt oder umgebracht. Zuletzt schickt der Besitzer seinen eigenen Sohn. Er hofft, dass das bei den Arbeitern Eindruck macht. Und sie ihm endlich geben, was sie ihm geben sollen. Aber auch der Sohn wird getötet. Die Arbeiter hoffen, dass sie dadurch gleich den ganzen Weinberg für sich behalten dürfen.

Ganz schön gewaltig, finden Sie nicht auch? Was Jesus da erzählt. Keine schöne, einfache Geschichte. Jesus erzählt dieses Gleichnis wahrscheinlich den Hohepriestern und den Ältesten des Tempels in Jerusalem. Es steht nicht direkt im heutigen Evangelientext. Aber im Verlauf des Matthäusevangeliums befindet sich Jesus im Tempel, um mit den Ältesten und Hohepriestern zu sprechen. Schließlich fragt Jesus sie, was sie meinen. Wie wird der Weinbergbesitzer reagieren, nachdem sich seine Lohnarbeiter so verhalten haben?

Natürlich reagieren sie entsetzt. Klar, er wird dem Bösen ein Ende ein böses Ende bereiten und sie raus werfen. Sie kapieren nicht gleich. Dass das hier ein Gleichnis ist - und nicht einfach nur eine Geschichte. Es betrifft seine Zuhörer! Es betrifft sie! Jesus redet nicht von irgend wem, sondern von den Ältesten und Hohepriestern. Von denen, die normalerweise sagen, wie man sich verhalten soll. Und die es sich nicht gern von jemand anders sagen lassen. Er redet von den Etablierten im damaligen Jerusalem. Denen, die Macht hatten. Und behalten wollten.

Erst, als Jesus Psalm 118 zitiert, die Stelle mit dem Eckstein, dämmert es ihnen. Hier ist die Rede von uns. Wir sind gemeint.

Was meint Jesus? Ich glaube, es ist ganz einfach. Dieses Gleichnis kann man ganz einfach auslegen. Die Figuren und Begriffe aus der Geschichte übersetzen. Dann ist der Weinbergbesitzer Gott, der die Welt geschaffen hat. Wir kennen das alle. Wunderschön. Aus dem Buch Genesis: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und er schuf sie gut! Immer wieder heißt es dort: Und Gott sah, dass es gut war. Wie der Weinberg. Nicht nachlässig, irgendwie, sondern gründlich und so kostbar angelegt, wie es nur geht. Größte Perfektion. Wie der Weinbergbesitzer hat auch Gott seine Leute ausgeschickt. In Gottes Weinberg, in diese Welt. So wie die Arbeiter für den Weinberg haben auch die Menschen einen Auftrag bekommen: Macht sie - die Erde - euch untertan und seid über den Fischen, den Vögeln und allen Tieren.

Und hier kommt die Kritik. Jesus übt Kritik. Ganz schön gewaltig. Wenn sich alles so einfach übertragen lässt, dann wohl auch die Kritik an den Lohnarbeitern. Jesus übt Kritik an seinen Zuhörern. Ich übertrage frei:

Ihr habt Gott seinen Anteil nicht gegeben, sondern alles für euch behalten. Und wenn er seine Leute geschickt hat - Propheten zum Beispiel -, dann habt ihr ihnen nicht zugehört. Ihr habt sie nicht ernst genommen. Ihr habt sie rausgeworfen, geprügelt oder sogar umgebracht. Dabei hatte Gott solche Geduld mit Euch! Jesus greift sogar in die Zukunft voraus: Schließlich habt ihr sogar seinen eigenen Sohn umgebracht. Ihr habt euch das alles getraut. Gott hatte solches Vertrauen in euch und hatte solche Geduld mit euch. Und was habt Ihr damit gemacht? - Was glaubt ihr, wird er jetzt mit euch machen?

So ähnlich, wie ich es hier gemacht habe, ist die Geschichte im Lauf der Jahrhunderte oft ausgelegt worden. Mit dem Blick auf andere. Von sich selbst weg. Von Christen, die der Ansicht waren, dass es einfach ist, Schuldige am Tod Jesus zu finden. Den Zeigefinger auf andere zu richten und zu sagen: Genau davon redet Jesus! Die da haben es so gemacht! Die Juden! Für die Christen war es klar: Die Juden haben Jesus ans Kreuz genagelt. Sie sind schuld. Ihr seid das Volk, das Gott nicht gehört hat. Das ihm seinen Tribut nicht gegeben hat. Zeigefinger drauf.

Wir alle wissen, zu welchen Folgen das geführt hat. Die unsäglichen Judenverfolgungen gab es nicht erst im 20. Jahrhundert in Deutschland, sondern schon lange, lange vorher. Nicht nur in Deutschland. Durch die Jahrhunderte. Mit einem grauenvollen Gipfel in den Jahren bis 1945.

Das ist zum Glück lange her. Ich glaube, dass wir inzwischen Gelegenheit hatten, um zu lernen. Die Dinge anders zu sehen. Das heißt erstens, dass nicht ‘die Juden’ Jesus umgebracht haben, sondern einige Mächtige damals und unter bestimmten Voraussetzungen. Und zweitens heißt das, dass das, was Jesus damals zu den Ältesten und Hohepriestern gesagt hat, nicht Geschichte ist. Dass es nicht mit dem Zeigefinger geht. Die anderen warn’s. Nein, ich glaube, es gilt heute wie damals. Und es gilt uns allen. Allen, die Verantwortung tragen. Tun wir das nicht alle? Irgendwie wirklich alle Menschen? Wie die Ältesten und Hohepriester im Tempel früher. Allen, die etabliert sind. Das Evangelium ist so gemeint: Es spricht zu uns. Jesus redet mit uns, wenn wir die Bibel lesen. Wenn wir ihm zuhören.

Ihr gebt Gott seinen Anteil nicht, sondern wollt alles für euch behalten. Und die Leute, die Gott geschickt hat, wollt ihr nicht haben. Ihr werft sie lieber raus. Die, die die Wahrheit sagen. Dass ihr oft unehrlich seid. Dass wir oft unehrlich sind. Und das, was Gott von uns will, lieber selbst behalten wollen.

Ganz schön gewaltig, finden Sie nicht auch? Es geht nicht darum, dass wir auf andere zeigen. Sondern das wir auf uns selbst sehen und nachdenken.

Ich könnte jetzt ganz viele Beispiele aufzählen, um Ihnen und mir zu zeigen, wo wir immer wieder das tun, was die Lohnarbeiter im Weinberg tun. Wo wir unehrlich sind. Wo wir Fehler machen. Wo wir die, die uns ehrlich die Wahrheit ins Gesicht sagen, lieber mundtot machen. Wir alle einzeln.

Aber ich halte nicht viel davon, den Zeigefinger zu heben (tun) und von der Kanzel zu donnern, was Sie da unten oder wir alle hier mal wieder alles falsch gemacht haben. Ich glaube, wir alle können das gut genug für uns selbst tun. Wir können das. Uns vorrechnen, was wir schon wieder verbockt haben oder wo wir Mist gebaut haben. Ganz schön gewaltig.

Nein, darum geht es mir nicht. Ich will lieber darüber reden, was Gott mit uns anstellt. Das ist schließlich Jesu große Frage an seine Zuhörer. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun?

Ich glaube nämlich nicht, dass er uns den Weinberg einfach wegnehmen wird. Uns die Erde weg nehmen wird. Oder uns von der Erde runter schmeißen. Raus werfen, sozusagen. Er straft auch nicht. Weder Kriege, noch Unfälle, Krankheiten oder auch Naturkatastrophen, zum Beispiel Hurrikans sind eine Strafe.

Nein, es ist anders. Wir leben nach Jesus. Und deshalb unter einer anderen Verheißung. Der Verheißung, dass Gott uns unsere Sünde vergibt. Unsere Schuld, die wir auf uns laden. Jeden Tag oder jede Woche. Jedenfalls immer wieder. Manchmal im vollen Bewusstsein. Aber bestimmt meistens, während wir es nicht merken. Wieder mal Mist gebaut. Wieder mal ein schlechtes Gewissen. Hätte ich das nur gelassen.

Das, genau das, wird uns vergeben. Wir müssen dafür nichts tun. Keine guten Werke oder so. Ich weiß, dass das schon oft von dieser Kanzel gesagt worden ist. Ich muss es heute auch sagen. Weil es so großartig ist. Ganz schön gewaltig. Ich hoffe, es wird auch noch oft von dieser Kanzel gesagt. - Wir tun es. Unser Leben lang. Schuld auf uns laden. Ganz gewaltig. Und Gott weiß, dass wir das tun. Und trotzdem nimmt er uns an. Kennen Sie diesen Spruch? Sündige tapfer. Auf englisch: Sin boldly. Der Spruch heißt: Tu es! Wir dürfen so sein, wie wir gemacht sind. Mit den Fehlern, mit der Schuld, mit der Sünde.

Das heißt nicht, dass wir es machen sollen wie die Weinbauern. Nicht böswillig. Nein, wir sollen Gott schon seinen Anteil geben. Wir sollen versuchen, keine Schuld auf uns zu laden. Aber nicht, um damit etwas zu erreichen. Sondern weil wir etwas tun können. Und das ist: Glauben. Das möchte Gott von uns. Insofern können wir es besser machen als die Lohnarbeiter im Weinberg. An Gott glauben. Und das, was wir tun, im Glauben tun.

Ich weiß, das geht nicht immer. Nicht jederzeit. Und nicht jeder kann es. Ich habe einen Freund. Er beklagt sich regelmäßig. Ich würde so gern glauben. Aber es geht nicht. Ich kann darauf nicht antworten. Ich weiß nicht, wie man es macht. Aber auch der Versuch gilt. Um von Gott angenommen zu werden. Er meint es gut mit uns.

Ganz schön gewaltig, finden Sie nicht auch?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Copyright 2005, Peter Stockmann


Welcome - News - History - Calendar - Staff - Worship - German Links - Mailing List

Last updated: 2006-05-19