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Gemeinde
für Deutschsprachige - German Language Ministry
Lesungen
und Predigt
Altes
Testament: Jesaja 5,1-7
1
Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von
meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen
Weinberg auf einer fetten Höhe.
2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin
edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter
und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte;
aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer
Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich
nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben
gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute
brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg
tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er
verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden,
daß er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht
beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen
darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie
nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und
die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf
Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Epistellesung: Philipper 3, 4-14
4
Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen,
so könnte ich es viel mehr,
5 der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel,
vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach
dem Gesetz ein Pharisäer,
6 nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit,
die das Gesetz fordert, untadelig gewesen.
7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen
für Schaden erachtet.
8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber
der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines
Herrn. Um seinet Willen ist mir das alles ein Schaden geworden,
und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit,
die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an
Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott
dem Glauben zugerechnet wird.
10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung
und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich
gestaltet werden,
11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen
sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte,
weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht
so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich
vergesse, was da hinten ist, und strecke mich aus nach dem,
was da vorne ist,
14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der
himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
Evangelium: Matthäus 21,33-46
33
Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der
pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub
eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn
an Weingärtner und ging außer Landes.
34 Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er
seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte
holten.
35 Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen
schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten
sie.
36 Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erstemal;
und sie taten mit ihnen dasselbe.
37 Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich:
Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.
38 Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen
sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn
töten und sein Erbgut an uns bringen! 39 Und sie nahmen
ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten
ihn.
40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er
mit diesen Weingärtnern tun?
41 Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses
Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern
verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.
42 Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift
(Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen
haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen«?
43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen
und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.
44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen;
auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.
45 Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse
hörten, erkannten sie, daß er von ihnen redete.
46 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten
sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.
Predigt:
Gnade
sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem
Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe
Gemeinde,
da
hat er es uns aber gegeben. Ganz schön gewaltig, finden
Sie nicht auch? Ich rede von Jesus, der das Gleichnis erzählt
hat. Wir haben es gerade gehört.
Ein
Grundbesitzer legt seinen Weinberg an. Nicht einfach so. Keinen
lieblos angelegten Acker, sondern mit sehr viel Hingabe. Ganz
gründlich. Sogar mit einem festen Gebäude und einer
guten, stabilen Kelter, um die Saftherstellung leichter und
ergiebiger zu machen. Er hat sicher viel Geld bezahlt. Schließlich
stellt er Lohnarbeiter an, die für ihn den Weinberg bebauen
und ernten. Die Bedingung für sie: Sie müssen ihm
von der Ernte abgeben. Einen bestimmten Teil.
Aber
die Weingärtner tun nicht einfach, was ihr Auftrag ist.
Sie wollen nicht nur ihren Lohn, sondern die gesamte Ernte
für sich behalten. Vielleicht haben sie im Laufe der
Zeit gemerkt, wie schön es wäre, mehr Geld mit ihrer
Arbeit zu verdienen als der Weinbergbesitzer ihnen eigentlich
zugestehen will. Als der Weinbergbesitzer dann Leute schickt,
um seinen Anteil holen zu lassen, bringen die Lohnbauern sie
einfach um. Und das passiert nicht nur einmal, sondern mehrmals
hinter einander. Mehrmals werden Boten des Besitzers geprügelt
oder umgebracht. Zuletzt schickt der Besitzer seinen eigenen
Sohn. Er hofft, dass das bei den Arbeitern Eindruck macht.
Und sie ihm endlich geben, was sie ihm geben sollen. Aber
auch der Sohn wird getötet. Die Arbeiter hoffen, dass
sie dadurch gleich den ganzen Weinberg für sich behalten
dürfen.
Ganz
schön gewaltig, finden Sie nicht auch? Was Jesus da erzählt.
Keine schöne, einfache Geschichte. Jesus erzählt
dieses Gleichnis wahrscheinlich den Hohepriestern und den
Ältesten des Tempels in Jerusalem. Es steht nicht direkt
im heutigen Evangelientext. Aber im Verlauf des Matthäusevangeliums
befindet sich Jesus im Tempel, um mit den Ältesten und
Hohepriestern zu sprechen. Schließlich fragt Jesus sie,
was sie meinen. Wie wird der Weinbergbesitzer reagieren, nachdem
sich seine Lohnarbeiter so verhalten haben?
Natürlich
reagieren sie entsetzt. Klar, er wird dem Bösen ein Ende
ein böses Ende bereiten und sie raus werfen. Sie kapieren
nicht gleich. Dass das hier ein Gleichnis ist - und nicht
einfach nur eine Geschichte. Es betrifft seine Zuhörer!
Es betrifft sie! Jesus redet nicht von irgend wem, sondern
von den Ältesten und Hohepriestern. Von denen, die normalerweise
sagen, wie man sich verhalten soll. Und die es sich nicht
gern von jemand anders sagen lassen. Er redet von den Etablierten
im damaligen Jerusalem. Denen, die Macht hatten. Und behalten
wollten.
Erst,
als Jesus Psalm 118 zitiert, die Stelle mit dem Eckstein,
dämmert es ihnen. Hier ist die Rede von uns. Wir sind
gemeint.
Was
meint Jesus? Ich glaube, es ist ganz einfach. Dieses Gleichnis
kann man ganz einfach auslegen. Die Figuren und Begriffe aus
der Geschichte übersetzen. Dann ist der Weinbergbesitzer
Gott, der die Welt geschaffen hat. Wir kennen das alle. Wunderschön.
Aus dem Buch Genesis: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und er schuf sie gut! Immer wieder heißt es dort: Und
Gott sah, dass es gut war. Wie der Weinberg. Nicht nachlässig,
irgendwie, sondern gründlich und so kostbar angelegt,
wie es nur geht. Größte Perfektion. Wie der Weinbergbesitzer
hat auch Gott seine Leute ausgeschickt. In Gottes Weinberg,
in diese Welt. So wie die Arbeiter für den Weinberg haben
auch die Menschen einen Auftrag bekommen: Macht sie - die
Erde - euch untertan und seid über den Fischen, den Vögeln
und allen Tieren.
Und
hier kommt die Kritik. Jesus übt Kritik. Ganz schön
gewaltig. Wenn sich alles so einfach übertragen lässt,
dann wohl auch die Kritik an den Lohnarbeitern. Jesus übt
Kritik an seinen Zuhörern. Ich übertrage frei:
Ihr
habt Gott seinen Anteil nicht gegeben, sondern alles für
euch behalten. Und wenn er seine Leute geschickt hat - Propheten
zum Beispiel -, dann habt ihr ihnen nicht zugehört. Ihr
habt sie nicht ernst genommen. Ihr habt sie rausgeworfen,
geprügelt oder sogar umgebracht. Dabei hatte Gott solche
Geduld mit Euch! Jesus greift sogar in die Zukunft voraus:
Schließlich habt ihr sogar seinen eigenen Sohn umgebracht.
Ihr habt euch das alles getraut. Gott hatte solches Vertrauen
in euch und hatte solche Geduld mit euch. Und was habt Ihr
damit gemacht? - Was glaubt ihr, wird er jetzt mit euch machen?
So
ähnlich, wie ich es hier gemacht habe, ist die Geschichte
im Lauf der Jahrhunderte oft ausgelegt worden. Mit dem Blick
auf andere. Von sich selbst weg. Von Christen, die der Ansicht
waren, dass es einfach ist, Schuldige am Tod Jesus zu finden.
Den Zeigefinger auf andere zu richten und zu sagen: Genau
davon redet Jesus! Die da haben es so gemacht! Die Juden!
Für die Christen war es klar: Die Juden haben Jesus ans
Kreuz genagelt. Sie sind schuld. Ihr seid das Volk, das Gott
nicht gehört hat. Das ihm seinen Tribut nicht gegeben
hat. Zeigefinger drauf.
Wir
alle wissen, zu welchen Folgen das geführt hat. Die unsäglichen
Judenverfolgungen gab es nicht erst im 20. Jahrhundert in
Deutschland, sondern schon lange, lange vorher. Nicht nur
in Deutschland. Durch die Jahrhunderte. Mit einem grauenvollen
Gipfel in den Jahren bis 1945.
Das
ist zum Glück lange her. Ich glaube, dass wir inzwischen
Gelegenheit hatten, um zu lernen. Die Dinge anders zu sehen.
Das heißt erstens, dass nicht ‘die Juden’
Jesus umgebracht haben, sondern einige Mächtige damals
und unter bestimmten Voraussetzungen. Und zweitens heißt
das, dass das, was Jesus damals zu den Ältesten und Hohepriestern
gesagt hat, nicht Geschichte ist. Dass es nicht mit dem Zeigefinger
geht. Die anderen warn’s. Nein, ich glaube, es gilt
heute wie damals. Und es gilt uns allen. Allen, die Verantwortung
tragen. Tun wir das nicht alle? Irgendwie wirklich alle Menschen?
Wie die Ältesten und Hohepriester im Tempel früher.
Allen, die etabliert sind. Das Evangelium ist so gemeint:
Es spricht zu uns. Jesus redet mit uns, wenn wir die Bibel
lesen. Wenn wir ihm zuhören.
Ihr
gebt Gott seinen Anteil nicht, sondern wollt alles für
euch behalten. Und die Leute, die Gott geschickt hat, wollt
ihr nicht haben. Ihr werft sie lieber raus. Die, die die Wahrheit
sagen. Dass ihr oft unehrlich seid. Dass wir oft unehrlich
sind. Und das, was Gott von uns will, lieber selbst behalten
wollen.
Ganz
schön gewaltig, finden Sie nicht auch? Es geht nicht
darum, dass wir auf andere zeigen. Sondern das wir auf uns
selbst sehen und nachdenken.
Ich
könnte jetzt ganz viele Beispiele aufzählen, um
Ihnen und mir zu zeigen, wo wir immer wieder das tun, was
die Lohnarbeiter im Weinberg tun. Wo wir unehrlich sind. Wo
wir Fehler machen. Wo wir die, die uns ehrlich die Wahrheit
ins Gesicht sagen, lieber mundtot machen. Wir alle einzeln.
Aber
ich halte nicht viel davon, den Zeigefinger zu heben (tun)
und von der Kanzel zu donnern, was Sie da unten oder wir alle
hier mal wieder alles falsch gemacht haben. Ich glaube, wir
alle können das gut genug für uns selbst tun. Wir
können das. Uns vorrechnen, was wir schon wieder verbockt
haben oder wo wir Mist gebaut haben. Ganz schön gewaltig.
Nein,
darum geht es mir nicht. Ich will lieber darüber reden,
was Gott mit uns anstellt. Das ist schließlich Jesu
große Frage an seine Zuhörer. Wenn nun der Herr
des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern
tun?
Ich
glaube nämlich nicht, dass er uns den Weinberg einfach
wegnehmen wird. Uns die Erde weg nehmen wird. Oder uns von
der Erde runter schmeißen. Raus werfen, sozusagen. Er
straft auch nicht. Weder Kriege, noch Unfälle, Krankheiten
oder auch Naturkatastrophen, zum Beispiel Hurrikans sind eine
Strafe.
Nein,
es ist anders. Wir leben nach Jesus. Und deshalb unter einer
anderen Verheißung. Der Verheißung, dass Gott
uns unsere Sünde vergibt. Unsere Schuld, die wir auf
uns laden. Jeden Tag oder jede Woche. Jedenfalls immer wieder.
Manchmal im vollen Bewusstsein. Aber bestimmt meistens, während
wir es nicht merken. Wieder mal Mist gebaut. Wieder mal ein
schlechtes Gewissen. Hätte ich das nur gelassen.
Das,
genau das, wird uns vergeben. Wir müssen dafür nichts
tun. Keine guten Werke oder so. Ich weiß, dass das schon
oft von dieser Kanzel gesagt worden ist. Ich muss es heute
auch sagen. Weil es so großartig ist. Ganz schön
gewaltig. Ich hoffe, es wird auch noch oft von dieser Kanzel
gesagt. - Wir tun es. Unser Leben lang. Schuld auf uns laden.
Ganz gewaltig. Und Gott weiß, dass wir das tun. Und
trotzdem nimmt er uns an. Kennen Sie diesen Spruch? Sündige
tapfer. Auf englisch: Sin boldly. Der Spruch heißt:
Tu es! Wir dürfen so sein, wie wir gemacht sind. Mit
den Fehlern, mit der Schuld, mit der Sünde.
Das
heißt nicht, dass wir es machen sollen wie die Weinbauern.
Nicht böswillig. Nein, wir sollen Gott schon seinen Anteil
geben. Wir sollen versuchen, keine Schuld auf uns zu laden.
Aber nicht, um damit etwas zu erreichen. Sondern weil wir
etwas tun können. Und das ist: Glauben. Das möchte
Gott von uns. Insofern können wir es besser machen als
die Lohnarbeiter im Weinberg. An Gott glauben. Und das, was
wir tun, im Glauben tun.
Ich
weiß, das geht nicht immer. Nicht jederzeit. Und nicht
jeder kann es. Ich habe einen Freund. Er beklagt sich regelmäßig.
Ich würde so gern glauben. Aber es geht nicht. Ich kann
darauf nicht antworten. Ich weiß nicht, wie man es macht.
Aber auch der Versuch gilt. Um von Gott angenommen zu werden.
Er meint es gut mit uns.
Ganz
schön gewaltig, finden Sie nicht auch?
Und
der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche
Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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2005, Peter Stockmann
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